Zum Inhalt springen
Wissenschaft

Versteinertes Harz wirft neues Licht auf früheste Pazifik-Besiedlung

Archäologen haben auf der Insel Waigeo in Westpapua versteinertes Baumharz entdeckt – und datieren damit den frühesten menschlichen Fußabdruck im Pazifikraum auf bis zu 55.000 Jahre zurück.
Von Isaac Schultz Übersetzt von

Lesezeit 3 Minuten

Uraltes Harz als Zeitmarker der Menschheitsgeschichte

Das internationale Forschungsteam veröffentlichte seine Ergebnisse im Fachmagazin Antiquity. In der abgelegenen Mololo-Höhle auf Waigeo, einer Insel des Raja-Ampat-Archipels, stießen sie bei Grabungen auf ein wahres Sammelsurium: Steinwerkzeuge, Holzkohle, Tierknochen und besonders auffällig – versteinertes Baumharz. Letzteres spielte eine Schlüsselrolle, um den Zeitpunkt menschlicher Präsenz vor Ort zu datieren.

„Einige der gefundenen Knochen gehören zu kleinen Tieren wie Nagetieren oder Fledermäusen, die vermutlich auf natürlichem Weg in die Höhle gelangt sind“, erklärte Dylan Gaffney von der University of Oxford, Hauptautor der Studie, in einer Pressemitteilung von Phys.org. „Andere Überreste – etwa von Vögeln, Beuteltieren oder Flughunden – deuten sehr viel stärker auf menschliche Jagdaktivitäten hin.“

Meeresfrüchte in der Bergregion

Neben tierischen Überresten aus dem Landesinneren fanden die Forschenden auch Spuren von Meeresbewohnern in der Höhle: Zähne von Raubfischen und Reste von Seeigeln. Da die Küste etwa 15 Kilometer entfernt liegt, gehen die Archäolog:innen davon aus, dass die damaligen Menschen gezielt Meeresfrüchte sammelten, zur Höhle brachten und dort weiterverarbeiteten.

Von Menschen gemacht: Baumharz mit Geschichte

Das besagte Baumharz entstand laut den Wissenschaftler:innen keineswegs zufällig. In einem Artikel für The Conversation beschreiben sie, wie die Harzstücke vermutlich durch gezielte Eingriffe entstanden: Menschen schnitten Rinde von Bäumen, sammelten das austretende Harz, warteten auf dessen Aushärtung und brachen es anschließend in bestimmte Formen. Der genaue Verwendungszweck bleibt unklar – eine Theorie ist, dass es als Brennstoff diente.

Entscheidend ist jedoch die Radiokarbondatierung der Fundschichten: Sie legt nahe, dass sich bereits vor rund 55.000 Jahren Menschen in der Mololo-Höhle aufhielten – und damit wesentlich früher, als bisher angenommen wurde.

Wer waren diese frühen Inselbewohner?

Die Frage nach dem „Wer“ ist ebenso spannend wie das „Wann“. Klar ist: Im Pazifikraum waren in der Urgeschichte mehrere Menschenarten unterwegs. Neben dem modernen Homo sapiens sind auch Homo erectus und der kleine Homo floresiensis – bekannt als „Hobbit von Flores“ – belegt. Einige Forschende halten letzteres für eine Mini-Variante von H. erectus, andere sehen darin eine eigenständige Art.

Die Mololo-Funde könnten zwar von Homo sapiens stammen, aber auch von Denisova-Menschen – einer bislang kaum erforschten, ausgestorbenen Menschengruppe, die eng mit Neandertalern verwandt war. Sicher ist nur: Der Zeitraum passt exakt in die Epoche, in der die Hobbit-Menschen auf der Insel Flores ausstarben – etwa vor 50.000 Jahren.

Inselhopping in der Eiszeit

Damals war der Meeresspiegel niedriger, und die Inseln Waigeo und Batanta bildeten zusammen die sogenannte Paläo-Insel Waitanta. Der Abstand zum Urkontinent Sahul (der heutige Verbund aus Australien, Neuguinea und Tasmanien) betrug an seiner schmalsten Stelle gerade mal 2,5 Kilometer – also durchaus überwindbar mit einfachen Wasserfahrzeugen.

Laut den Studienautor:innen ist es wahrscheinlich, dass Waitanta ursprünglich von Menschen aus dem Westen – aus dem Gebiet des heutigen Wallacea – erreicht wurde. Es sei aber auch denkbar, dass die ersten Menschen über Australien in Sahul gelangten und dann nordwestlich weiterzogen, bis sie Waitanta von der heutigen Vogelkop-Halbinsel Neuguineas aus erreichten.

Simulationen rekonstruieren urzeitliche Routen

Um das Migrationsverhalten besser zu verstehen, simulierte das Team mögliche Routen, die diese frühen Menschen durch das Raja-Ampat-Archipel genommen haben könnten. Die Ergebnisse deuten auf mehrere realistische Wege hin, wie sich die Region erschlossen haben könnte – und bestärken die These, dass die Pazifik-Besiedlung früher und komplexer war als bislang angenommen.

Nächste Schritte: Noch mehr Höhlen, noch mehr Antworten?

Die Forschenden geben sich mit diesem Fund keineswegs zufrieden. Weitere Grabungen im Archipel sind bereits in Planung. Ziel ist es, den genauen Zeitpunkt der ersten Ankunft noch präziser zu bestimmen – und vielleicht sogar herauszufinden, welche Menschenart sich damals in den Höhlen niederließ.

Denn was heute wie eine tropische Idylle fernab der Zivilisation wirkt, war offenbar schon vor Zehntausenden von Jahren ein Hotspot menschlicher Mobilität – lange bevor der Pazifik kartiert, geschweige denn besiedelt war. Und manchmal genügt ein kleines Stück versteinertes Harz, um Geschichte neu zu schreiben.

Diese Geschichte teilen

Verwandte Artikel