Tycho Brahe ist als Astronom bekannt, doch nur wenige wissen, dass er auch ein Alchemist war. In seinem Schloss Uraniborg studierte er nicht nur die Sterne – er stellte auch Heilmittel in einem geheimen Labor her. Nun, Jahrhunderte später, bringen Überreste aus dieser Werkstatt etwas zutage, womit niemand gerechnet hatte: ein anachronistisches Element, das unser Verständnis der Wissenschaftsgeschichte verändern könnte.
Das verborgene Labor Tycho Brahes und seine rätselhaften Geheimnisse

Zwischen dem 16. und 17. Jahrhundert war Alchemie eine Mischung aus Wissenschaft, Kunst und Mystik. Tycho Brahe, berühmt für seine astronomischen Beobachtungen, stellte auf der dänischen Insel Ven Heilmittel für die europäische Elite her. In einem lange unbeachteten Keller von Uraniborg unterhielt er ein alchemistisches Labor, das erst in jüngerer Zeit wissenschaftlich untersucht wurde.
Eine neue Studie, veröffentlicht in Heritage Science, analysierte Glas- und Keramikfragmente, die zwischen 1988 und 1990 im ehemaligen Schlossgarten gefunden wurden. Diese Überreste, vermutlich aus Brahes Labor, wurden mittels Massenspektrometrie untersucht, um ihre chemische Zusammensetzung zu ermitteln. Man fand erwartungsgemäß Elemente wie Gold, Quecksilber, Zinn und Kupfer – gängige Bestandteile medizinischer Rezepturen jener Zeit.
Doch ein Fund überraschte das Forschungsteam besonders: Wolfram, auch bekannt als Tungsten – ein chemisches Element, das erst fast zwei Jahrhunderte nach Brahes Tod entdeckt und klassifiziert wurde.
Ein Element außerhalb seiner Zeit stellt die Geschichte infrage

Wolfram hätte nicht vorhanden sein dürfen. Laut Kaare Lund Rasmussen, Archäometrist an der Süddänischen Universität, könnte das Element zufällig durch natürliche Mineralien in die Proben gelangt sein. Es sei jedoch auch möglich, dass Brahe – vielleicht durch deutsche Quellen – die Eigenschaften dieses Stoffes zumindest empirisch kannte.
Einige Forscher vermuten, Brahe habe das Metall möglicherweise in seinen geheimen Rezepturen verwendet – etwa bei der Herstellung seiner komplexen Pestheilmittel, die unter anderem Schlangenfleisch, Opium oder mineralische Öle enthielten.
Wolfram hat im traditionellen alchemistischen Symbolsystem keinen festen Platz. Im Gegensatz zu Gold (dem Herzen und der Sonne zugeordnet) oder Blei (Saturn und Milz) ist seine mystische Bedeutung unbekannt – ein weiterer Hinweis auf sein rätselhaftes Auftauchen im Kontext Brahes.

Wie Poul Grinder-Hansen vom Nationalmuseum Dänemarks erklärt, glaubte Brahe fest an die Verbindung zwischen Sternen, Elementen und dem menschlichen Körper. Für ihn war das Universum ein Netz von Beziehungen zwischen dem Himmlischen und dem Irdischen. Die Anwesenheit von Wolfram in diesem Zusammenhang wirft neue Fragen auf über sein Weltbild, sein Wissen – und womöglich seine am besten gehüteten Geheimnisse.
War Brahe einfach seiner Zeit voraus? Oder liefert dieser Fund einen Hinweis darauf, dass die Geschichte der Wissenschaft noch viele Überraschungen bereithält? Vorerst bleibt das Rätsel ungelöst.