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Wissenschaft

Ultrakalte Atome in der Umlaufbahn und eine Quantentechnik stellen die Schwerkraft infrage: Das geheime NASA-Experiment auf der ISS

Ein verborgenes Labor auf der Internationalen Raumstation hat einen beispiellosen wissenschaftlichen Meilenstein erreicht: die Messung von Weltraumvibrationen mit ultrakalten Atomen und die Infragestellung der Grundlagen der Relativitätstheorie. Was wie Science-Fiction erscheint, wird zu einem mächtigen quantenmechanischen Werkzeug zur Erforschung des Universums.
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An Bord der Internationalen Raumstation, fernab von Lärm und Kameras, verwandelt ein Labor von der Größe eines Kühlschranks unsere Vorstellung von Schwerkraft, Materie und Zeit. Es handelt sich um das Cold Atom Lab, ein Projekt der NASA, das quantenmechanische Messtechniken mit erstaunlicher Präzision testet. Das jüngste Experiment stellt sogar die Grundlagen von Einsteins allgemeiner Relativitätstheorie infrage.

Ein Quantenexperiment im Weltraum

Ultrakalte Atome in der Umlaufbahn und eine Quantentechnik stellen die Schwerkraft infrage: Das geheime NASA-Experiment auf der ISS
© YouTube / SpaceVrse.

Das seit 2018 in Betrieb befindliche Cold Atom Lab wurde entwickelt, um das Verhalten von Materie in Mikrogravitation mithilfe von Bose-Einstein-Kondensaten zu untersuchen – einer exotischen Form, in der Tausende von Atomen wie eine einzige quantenmechanische Einheit agieren. Nun hat das wissenschaftliche Team erstmals im Weltraum ein duales Kondensat aus Rubidium-87 und Kalium-41 erzeugt.

Dank der fehlenden Schwerkraft können Phänomene beobachtet werden, die auf der Erde unmöglich sind, wie die quantenmechanischen Wechselwirkungen zwischen verschiedenen Atomarten ohne Störungen. Diese Bedingungen sind ideal, um grundlegende physikalische Theorien zu testen, Quantenchemie zu erforschen und Systeme mit wenigen Teilchen mit beispielloser Präzision zu analysieren.

Atominterferometrie: Das Unsichtbare sichtbar machen

Das Herzstück des Experiments ist die Atominterferometrie, eine Technik, die auf der Welle-Teilchen-Dualität basiert. Die Atome, auf nahezu absolute Nulltemperatur abgekühlt, werden mit Lasern manipuliert, um ihre Wellen zu teilen, auf verschiedene Wege zu schicken und dann wieder zu kombinieren. Jede Veränderung auf dem Weg – sei es eine Vibration oder eine Gravitationskraft – wird im resultierenden Muster erfasst.

In diesem Fall wurde eine Mach-Zehnder-Interferometer-Sequenz verwendet, um die relative Beschleunigung zwischen den beiden Atomarten zu erkennen. Diese Empfindlichkeit ermöglichte es, dass die Atome selbst als Sensoren fungierten, die sogar minimale Vibrationen innerhalb der Raumstation messen konnten – etwas, das mit herkömmlichen Instrumenten unmöglich ist.

Auf dem Weg zu einem neuen Test der Relativität

Ultrakalte Atome in der Umlaufbahn und eine Quantentechnik stellen die Schwerkraft infrage: Das geheime NASA-Experiment auf der ISS
© NASA/JPL-Caltech.

Über die unmittelbaren Anwendungen hinaus ist das tiefere Ziel des Experiments, die Grenzen der allgemeinen Relativitätstheorie vom Weltraum aus zu testen. Die Verwendung von zwei Atomarten ermöglicht es, mit hoher Genauigkeit zu überprüfen, ob beide Arten im Gravitationsfeld genau gleich fallen, wie es Einsteins Theorie vorhersagt.

Obwohl das Experiment bisher keine Abweichungen festgestellt hat, ist es ein entscheidender Schritt hin zu quantenmechanischen Tests des Äquivalenzprinzips. Zukünftige, empfindlichere Versionen könnten kleine Verletzungen aufdecken, die von Theorien vorhergesagt werden, die versuchen, die Gravitation mit der Quantenmechanik zu vereinen.

Planetenerkundung und Navigation ohne GPS

Das praktische Potenzial dieser Technologie ist enorm. Sensoren auf Basis der Atominterferometrie könnten eingesetzt werden, um das Innere von Planeten zu kartieren, Gletscher zu überwachen, die Bewegung von Grundwasser zu verfolgen und sogar eine autonome Navigation ohne GPS zu ermöglichen.

Die GRACE-FO-Mission misst bereits Gravitationsveränderungen aus dem Weltraum, aber ein System mit ultrakalten Atomen wäre präziser und stabiler. Darüber hinaus zeigt der ferngesteuerte Betrieb des Cold Atom Lab, dass diese Instrumente ohne Astronauten genutzt werden können – ideal für Missionen in anderen Teilen des Sonnensystems.

Wie der Physiker Cass Sackett sagte: „Diese Technologie könnte uns helfen, die Lücken in unserem Verständnis der Physik zu füllen und uns ein vollständigeres Bild der Realität zu geben, in der wir leben.“

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