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Wissenschaft

Studien von Expert:innen zeigen: Babys besitzen ein größeres Erinnerungsvermögen, als wir dachten

Eine aktuelle Untersuchung stellt alles in Frage, was wir bisher über das Gedächtnis in den ersten Lebensjahren geglaubt haben. Auch wenn wir uns nicht daran erinnern können – Babys speichern Erlebnisse bereits in den ersten Monaten. Die Wissenschaft beginnt nun zu entschlüsseln, wie das geschieht.
Von Martín Nicolás Parolari Übersetzt von

Lesezeit 3 Minuten

Lange Zeit ging man davon aus, dass Babys keine dauerhaften Erinnerungen bilden können. Das Fehlen von klaren Erinnerungen an unsere frühen Jahre schien diese Annahme zu bestätigen. Eine neue Studie unter Leitung von Wissenschaftler:innen der Universitäten Yale und Columbia zeigt jedoch, dass das kindliche Gehirn bereits ab den ersten Lebensmonaten Informationen aufzeichnet und speichert. Diese Erkenntnis könnte unser Verständnis des menschlichen Gedächtnisses grundlegend verändern.

Der Mythos der kindlichen Amnesie wird überdacht

Eines der größten Rätsel der Neurowissenschaft ist, warum wir uns an die frühe Kindheit kaum erinnern – obwohl wir in dieser Zeit enorm viel lernen: gehen, sprechen, Gesichter erkennen. Diese scheinbare Diskrepanz führte zur Theorie der „kindlichen Amnesie“, also einer Phase, in der Erinnerungen nicht dauerhaft gespeichert würden.

Die aktuelle, in Science veröffentlichte Studie stellt jedoch eine andere Hypothese auf: Erinnerungen entstehen durchaus, sind später aber nicht mehr abrufbar. Es handelt sich demnach nicht um ein Defizit im Erinnerungsvermögen, sondern um eine Veränderung der Art und Weise, wie Informationen gespeichert und später wieder zugänglich gemacht werden.

Laut Nick Turk-Browne, Neurowissenschaftler an der Yale University, „ist es möglich, dass wir weniger die Erfahrung selbst vergessen als vielmehr die Methode, mit der wir sie wieder ins Gedächtnis rufen können“. Diese Aussage öffnet eine faszinierende Perspektive darauf, wie sich unsere Identität durch Erinnerung bildet – selbst wenn uns diese nicht bewusst ist.

Ein aktiveres Gehirn, als man bisher annahm

Um diese Möglichkeit zu untersuchen, analysierten Forscher:innen das Verhalten von 26 Babys im Alter zwischen vier Monaten und zwei Jahren. Mithilfe der funktionellen Magnetresonanztomographie (fMRT) beobachteten sie die Reaktionen der Kinder auf auffällige Bilder: Landschaften, Spielzeuge und Gesichter wurden in sich wiederholenden Sequenzen gezeigt und anschließend mit neuen Bildern verglichen.

Die Babys richteten ihre Aufmerksamkeit verstärkt auf die wiederkehrenden Bilder – ein deutliches Zeichen für visuelles Wiedererkennen. Besonders aufschlussreich war jedoch die Aktivierung einer spezifischen Gehirnregion: des hinteren Hippocampus, der bei Erwachsenen für das episodische Gedächtnis entscheidend ist. Diese Parallele deutet darauf hin, dass bereits im Säuglingsalter fortgeschrittene neuronale Strukturen zur Speicherung konkreter Erfahrungen genutzt werden.

Tristan Yates, Mitautor der Studie an der Columbia University, erklärte, dieser Befund stelle die bisherige Annahme in Frage, der Hippocampus von Babys sei noch zu „unreif“, um Erinnerungen zu bilden. Tatsächlich könnte seine Funktion bereits weiter entwickelt sein, als bisher angenommen – insbesondere ab dem ersten Lebensjahr.

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© Pixabay

Warum erinnern wir uns nicht an unsere Babyzeit?

Auch wenn Babys offenbar Erinnerungen speichern, bleibt eine zentrale Frage: Warum können wir sie später nicht abrufen? Die Forscher:innen nennen mehrere mögliche Gründe. Einer davon ist, dass diese Erinnerungen vor der Entwicklung der Sprache entstehen – was ihre spätere Übersetzung in Worte oder bewusste Konzepte erschwert. Eine weitere Möglichkeit ist, dass wir als Erwachsene einfach nicht wissen, wie wir auf diese frühen Informationen zugreifen könnten.

Hinzu kommt, dass sich die Struktur des Gehirns in den ersten Lebensjahren rasant verändert. Diese Umbauten könnten bestimmte neuronale Verbindungen überschreiben oder unzugänglich machen. Dennoch deuten die Ergebnisse darauf hin, dass diese frühen Erinnerungen eine wichtige Rolle in der Entwicklung spielen – auch wenn sie nicht bewusst verfügbar bleiben.

Ein neuer Blick auf die kindliche Psyche

Die Studie verändert nicht nur das traditionelle Bild der frühen Kindheit, sondern könnte auch praktische Anwendungen haben. Ob in der frühkindlichen Bildung oder bei der Früherkennung neurologischer Störungen – das Wissen darüber, wie und wann Babys Erinnerungen bilden, kann helfen, Förder- und Betreuungsstrategien gezielt zu verbessern.

„Jetzt, da wir wissen, dass das kindliche Gehirn bereits aktiv Erinnerungen speichert, können wir beginnen zu erforschen, wie sie sich entwickeln, was sie stärkt und was sie schwächt“, fasst Yates zusammen. Was einst als durch das Vergessen erklärtes Mysterium galt, könnte in Wahrheit ein unsichtbares Netz aus Erfahrungen sein, das uns nie verlassen hat – und nur darauf wartet, verstanden zu werden.

Quelle: Infobae

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