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Wissenschaft

So wird das größte Geheimnis des menschlichen Gehirns mit Hilfe einer kinobegeisterten Maus gelüftet

Ein beispielloses Experiment mit einer Maus hat einem internationalen Forschungsteam ermöglicht, die bislang detaillierteste funktionale Karte eines Gehirns zu erstellen. Dieser Durchbruch könnte uns dem Verständnis näherbringen, wie wir denken, fühlen oder erkranken. Die Schlüsseltechnologien? Filme, Laser – und jede Menge künstliche Intelligenz.
Von Martín Nicolás Parolari Übersetzt von

Lesezeit 2 Minuten

Wenn Science-Fiction auf Neurowissenschaft trifft

Der Ausgangspunkt dieser innovativen Studie bestand darin, einer Maus Ausschnitte aus Science-Fiction-Filmen, Sportübertragungen und Naturdokumentationen zu zeigen. Das Tier war genetisch so verändert worden, dass seine Neuronen bei Aktivierung zu leuchten begannen – eine einzigartige Gelegenheit für die Forschenden, die neuronale Reaktion auf visuelle Reize präzise zu beobachten.

Mit Hilfe eines Lasermikroskops wurde die Aktivität im visuellen Kortex der Maus aufgezeichnet. Anschließend entnahmen die Wissenschaftler*innen des Allen Institute ein winziges Stück Hirngewebe – etwa so groß wie ein Mohnsamen –, das in über 25.000 Schichten unterteilt und analysiert wurde. Dabei entstanden rund 100 Millionen hochauflösende Bilder.

KI als Schlüssel zur Rekonstruktion des neuronalen Puzzles

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© iStock.

Um dieses neuronale Puzzle zusammenzusetzen, griff die Universität Princeton auf künstliche Intelligenz zurück. Die KI ermöglichte es, jede einzelne Verbindung zu verfolgen und farblich zu kennzeichnen. Das Ergebnis: ein dreidimensionales Modell, das zeigt, wie rund 84.000 Neuronen über eine halbe Billion Synapsen miteinander kommunizieren – vergleichbar mit einem fluoreszierenden Teller voller verschlungener Spaghetti.

Was dieser Hirnplan über Denken und Krankheit verrät

Über den visuellen Wow-Effekt hinaus erlaubt dieser Fortschritt erstmals die genaue Identifikation von Kommunikationsmustern zwischen Neuronen. Forschende können dadurch besser nachvollziehen, wie Prozesse wie Sehen, Gedächtnisbildung oder Bewegung entstehen. Gleichzeitig eröffnet die Karte neue Perspektiven für das Verständnis neurologischer Erkrankungen wie Alzheimer oder Autismus.

Zwar wurde bislang nur ein kleiner Teil des Mausgehirns kartiert, doch langfristig soll eine vollständige Rekonstruktion erfolgen. Laut den Forscher*innen könnte dies helfen, krankhafte Verbindungsstrukturen zu identifizieren – ähnlich wie beim Humangenomprojekt, das in der Genetik den Weg für gezielte Therapien ebnete.

Ein globales Werkzeug zur Erforschung des Geistes

Die Ergebnisse der Studie wurden in der Fachzeitschrift Nature veröffentlicht und sind für die gesamte internationale Wissenschaftsgemeinschaft zugänglich. Diese Offenheit soll neue Forschungsansätze und Erkenntnisse fördern. Neurowissenschaftler*innen wie Mariela Petkova und Gregor Schuhknecht von der Harvard University bezeichnen das Projekt als unschätzbare Ressource für das Verständnis menschlicher Kognition und Verhaltensweisen.

Diese Hirnkarte ist nicht nur ein technisches Meisterwerk, sondern auch ein neuer Wegweiser zum tiefen Verständnis unseres eigenen Geistes. Und all das begann mit einer Maus, die sich einen Film ansah.

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