Ein Blick ins psychedelische Gehirn
Forscher haben nun detaillierter untersucht, wie Psilocybin das Gehirn „trippen“ lässt. Eine neue Studie zeigt, dass die Substanz weitreichende Veränderungen in der Gehirnaktivität verursacht, insbesondere in Bereichen, die unser Selbstbild steuern. Diese Erkenntnisse liefern weitere Hinweise darauf, wie Psilocybin und ähnliche Stoffe zur Behandlung von psychischen Erkrankungen wie Depressionen eingesetzt werden können.
In den letzten Jahren ist das wissenschaftliche Interesse an Psilocybin und anderen Psychedelika sprunghaft angestiegen. Diese Substanzen, die längst für ihren Freizeitkonsum bekannt sind, zeigen in Studien vielversprechende therapeutische Effekte. Vor allem in Kombination mit Psychotherapie scheinen sie Menschen mit Depressionen, Suchterkrankungen oder posttraumatischen Belastungsstörungen zu helfen, die auf konventionelle Behandlungen nicht ansprechen. Große Phase-III-Studien zur Anwendung von Psilocybin gegen Depressionen laufen bereits, und erste Ergebnisse werden noch dieses Jahr erwartet.
Trotz dieser Fortschritte gibt es noch viele offene Fragen zur genauen Wirkung von Psychedelika auf das Gehirn. Neuroimaging-Experte Joshua Seigel und sein Team von der Washington University in St. Louis haben deshalb eine Studie entworfen, um einige dieser Unklarheiten zu beseitigen.
So wirkt Psilocybin im Gehirn

In der randomisierten, kontrollierten Studie wurden sieben gesunde Erwachsene im Alter von 18 bis 45 Jahren untersucht. Ihre Gehirne wurden mittels MRT gescannt – vor, während und nach der Einnahme einer hohen Psilocybin-Dosis von 25 Milligramm. Sechs bis zwölf Monate später erhielten die Probanden eine zweite Dosis. „Ein wichtiger Fortschritt unserer Studie ist, dass wir die Teilnehmer über Wochen hinweg mit regelmäßigen Scans beobachtet haben“, erklärte Seigel gegenüber Gizmodo.
Die Ergebnisse waren beeindruckend: Direkt nach der Einnahme von Psilocybin zeigten sich dramatische Veränderungen in der Gehirnaktivität. Zwar verschwanden die stärksten Effekte nach wenigen Tagen, doch einige Veränderungen blieben sogar Wochen später messbar. „Wir konnten beobachten, dass Psilocybin eine tiefgreifende und weitreichende Desynchronisation der Gehirnaktivität auslöst, wodurch sich die Konnektivität zwischen verschiedenen Netzwerken im Kortex und subkortikalen Strukturen verändert“, so Seigel.
Besonders auffällig war ein anhaltender Rückgang der Verbindung zwischen dem vorderen Hippocampus und dem sogenannten Default Mode Network (DMN). Diese Verbindung gilt als zentral für unser Selbstbild. Menschen, die die intensivsten mystischen Erfahrungen während ihres Trips machten, zeigten auch die stärksten Veränderungen in ihrem DMN.
Die Ergebnisse, die in „Nature“ veröffentlicht sind, basieren zwar auf einer kleinen Stichprobe, doch sie stützen die Theorie, dass Psychedelika gegen Depressionen helfen können. Bereits frühere Studien deuten darauf hin, dass Menschen mit Depressionen ungewöhnliche Muster in ihrer DMN-Aktivität aufweisen. Psilocybin könnte durch die erzeugte „Unordnung“ im Gehirn helfen, diese schädlichen Muster zu durchbrechen.
Ein neuer Ansatz zur Therapie
Eine weitere interessante Erkenntnis der Studie war, dass das einfache Durchführen einer Wahrnehmungsaufgabe die Wirkung von Psilocybin im Gehirn der Probanden abschwächte. Diese Beobachtung könnte eine neurobiologische Grundlage für die sogenannte „Grounding“-Technik liefern, die in der psychedelischen Therapie angewendet wird. Dabei konzentrieren sich Patienten bewusst auf ihre physische Realität, um sich sicherer durch die Erfahrung zu navigieren und eventuelle Ängste oder Überforderung zu reduzieren.
Ein Fahrplan für die Zukunft
Durch die Messung der Veränderungen im Gehirn nach der Einnahme von Psilocybin hoffen die Forscher, eine Art „Landkarte“ für die Wissenschaft bereitzustellen. Diese könnte auch bei der Erforschung ähnlicher experimenteller Substanzen helfen – insbesondere solcher, die psychedelische Effekte erzielen sollen, ohne Halluzinationen hervorzurufen.
Seigel wird bald eine neue Position als Assistenzprofessor am Center for Psychedelic Medicine der New York University Langone Health antreten. Dort will er weiter daran arbeiten, diesen Fahrplan zu verfeinern und neue experimentelle Substanzen zu testen.
„Dutzende Unternehmen arbeiten derzeit an neuen Psychedelika und nicht-halluzinogenen psychedelischen Analoga“, erklärte Seigel. „Unsere Studie liefert einen Biomarker für die Entwicklung neuer Wirkstoffe, die ähnlich wie Psychedelika wirken. Sie könnte helfen zu bestimmen, ob ein neues Medikament die gewünschten Gehirnregionen beeinflusst und welche Dosierung optimal ist.“
Die Forschung zu Psychedelika steckt noch in den Kinderschuhen, doch die bisherigen Ergebnisse könnten den Weg für eine völlig neue Art der Therapie ebnen. Es bleibt spannend, welche Durchbrüche uns in den kommenden Jahren erwarten.