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Wissenschaft

So kapert Kokain dein Gehirn – und lässt dich Hunger und Durst vergessen

Neue Studie zeigt, wie Drogen das Belohnungssystem im Gehirn lahmlegen
Von Ed Cara Übersetzt von

Lesezeit 3 Minuten

Wissenschaftler haben möglicherweise einen entscheidenden Mechanismus entschlüsselt, der erklärt, warum Menschen mit Drogenabhängigkeit oft grundlegende Bedürfnisse wie Essen oder Trinken ignorieren. In einer aufwendigen Untersuchung an Mäusen konnten Forscher zeigen, wie Kokain (und auch Morphin) gezielt ein neuronales System im Gehirn manipuliert, das eigentlich für natürliche Belohnungen wie Nahrung zuständig ist – und es so nach und nach aushebelt.

Die Ergebnisse könnten nicht nur helfen, das Phänomen Abhängigkeit besser zu verstehen, sondern auch einen neuen Weg aufzeigen, um gezielt und nachhaltig gegen Suchtverhalten vorzugehen – ohne dabei die natürlichen Bedürfnisse zu unterdrücken.

Wenn das Gehirn plötzlich andere Prioritäten setzt

Die Studie stammt von Forschern der Rockefeller University und der Icahn School of Medicine at Mount Sinai. Ziel war es, herauszufinden, warum bei süchtigen Menschen irgendwann alles andere in den Hintergrund rückt – selbst elementare Dinge wie Hunger oder Durst.

„Seit Langem beobachten wir, dass Menschen mit Suchterkrankungen in einen Teufelskreis geraten, der ihr normales Leben Stück für Stück zerstört“, erklärt Hauptautor Bowen Tan vom Howard Hughes Medical Institute der Rockefeller University im Gespräch mit Gizmodo. „Also haben wir uns gefragt: Wie genau funken Drogen dazwischen, wenn es um unsere grundlegendsten Bedürfnisse geht?“

Die Schaltzentrale für Lust und Überleben

Im Fokus steht dabei ein bestimmter Bereich im Gehirn: der Nucleus accumbens (kurz NAc). Dieser ist bekannt dafür, unser Verhalten im Umgang mit positiven Reizen wie Essen oder Trinken zu steuern. Gleichzeitig weiß man aus früheren Studien, dass viele Drogen genau hier ansetzen.

Tan und sein Team forschen seit Jahren daran, welche Zellen im NAc konkret für diese Prozesse verantwortlich sind. Bereits 2022 fanden sie heraus, dass ein bestimmter Neuronentyp dort sowohl unser Hungergefühl als auch den Durst beeinflusst.

In ihrer aktuellen Studie, veröffentlicht im Fachjournal Science, konnten sie nun zeigen, dass Kokain und Morphin exakt diese Nervenzellen aktivieren. Mehr noch: Bei wiederholtem Drogenkonsum verändert sich die Aktivität dieser Zellen so stark, dass sie ihren ursprünglichen Zweck verlieren – nämlich uns zu motivieren, zu essen oder zu trinken. Das natürliche Belohnungssystem wird dadurch regelrecht umprogrammiert.

Wie man dem Gehirn die Droge wieder austreibt

Besonders spannend: Die Forscher identifizierten ein Gen namens Rheb, das offenbar eine Schlüsselrolle in diesem Prozess spielt. Es scheint dafür verantwortlich zu sein, dass Drogen wie Kokain überhaupt die Kontrolle über das Belohnungssystem übernehmen können.

Als das Team mithilfe der CRISPR-Technologie dieses Gen gezielt bei den Mäusen ausschaltete, verlor Kokain seine dominante Wirkung – die Tiere vergaßen nicht mehr, dass sie eigentlich Hunger oder Durst hatten.

„Dank moderner Technologien konnten wir erstmals ganz genau nachvollziehen, wie einzelne Hirnzellen den Wert von Reizen wie Nahrung oder Wasser berechnen – und was passiert, wenn Drogen dazwischenfunken“, sagt Co-Autor Caleb Browne vom Center for Addiction and Mental Health in New York.

Hoffnung für zukünftige Therapien

Natürlich basiert die Studie auf Mäusen – ob sich die Ergebnisse 1:1 auf den Menschen übertragen lassen, muss erst noch geklärt werden. Dennoch bieten sie eine faszinierende Perspektive: Möglicherweise lässt sich künftig gezielt in diesen Mechanismus eingreifen, um Süchtigen zu helfen – ohne dabei das gesamte Belohnungssystem lahmzulegen.

Denn genau das ist aktuell ein großes Problem vieler Therapien: Sie dämpfen zwar das Verlangen nach der Droge, nehmen den Betroffenen aber gleichzeitig auch die Motivation für ganz normale Dinge.

„Wenn man das Belohnungssystem komplett abschaltet, dann essen die Leute am Ende gar nichts mehr“, sagt Browne. „Deshalb ist es so wichtig, hier differenzierter vorzugehen – und Rheb könnte genau der Hebel sein, mit dem wir Sucht unterbrechen können, ohne alles andere mitzunehmen.“

Und was kommt als Nächstes?

Die Forschenden wollen nun noch tiefer graben: Künftig sollen weitere Hirnregionen untersucht werden, etwa solche, die für Gedächtnis oder Emotionen zuständig sind – denn auch sie könnten das Belohnungssystem beeinflussen. Außerdem interessiert das Team, welche Rolle die betroffenen Nervenzellen bei Rückfällen spielen – selbst Jahre nach der letzten Dosis.

Das große Ziel: Neue Ansätze entwickeln, die nicht nur kurzfristig helfen, sondern langfristig verhindern, dass Suchtverhalten überhaupt wieder die Oberhand gewinnt.

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