Eine galaktische Göttin über Ägypten?
Unsere Milchstraße ist eine gigantische Galaxie mit Hunderten Milliarden Sternen, darunter auch unsere eigene Sonne. In klaren, mondlosen Nächten zieht sie sich wie ein schimmerndes Band quer über den Himmel – ein Anblick, der schon seit Jahrtausenden Menschen fasziniert. Für ein Volk wie die alten Ägypter, das vom Kosmos geradezu besessen war, könnte dieser Anblick tiefere Bedeutung gehabt haben: ein Zeichen göttlicher Präsenz, vielleicht sogar ein Symbol für den Übergang ins Jenseits.
Eine neue Studie, veröffentlicht im Journal of Astronomical History and Heritage, untersucht genau diese Idee. Der britisch-israelische Astrophysiker Or Graur von der University of Portsmouth schlägt vor, dass die Milchstraße in der Vorstellung der alten Ägypter mit der Himmelsgöttin Nut verbunden war – einer zentralen Figur in der ägyptischen Mythologie.
Sterne, Zeit und Pyramiden
Die alten Ägypter waren wahre Pioniere der Astronomie: Sie beobachteten Sterne, Planeten und die Bewegungen von Sonne und Mond, entwickelten ein Jahr mit 365 Tagen und unterteilten den Tag in 24 Stunden – lange bevor der Rest der Welt nachzog. Astronomie war nicht nur spirituell bedeutend, sondern auch praktisch – etwa für die Landwirtschaft oder den Bau der Pyramiden von Gizeh, die sich offenbar an bestimmten Sternkonstellationen orientierten. Für sie war das ein Weg, das Göttliche auf die Erde zu holen.
Nut – mehr als nur Himmelszelt
In der ägyptischen Mythologie symbolisiert Nut den Himmel selbst. Sie wird meist als Frau dargestellt, deren Körper sich schützend über die Erde (personifiziert durch ihren Bruder Geb) wölbt – bedeckt mit Sternen von Kopf bis Fuß. Ihre Rolle war nicht nur kosmisch: Sie galt auch als Helferin der Toten, die ihnen den Weg ins ewige Leben zeigte.
Graur stieß auf Nut, als er an einem Buch über Galaxien arbeitete und sich dabei mit der Mythologie der Milchstraße beschäftigte. „Ich wollte eine astronomische und kulturgeschichtliche Doppelanalyse machen – und prüfen, ob es wirklich eine Verbindung zwischen der Göttin Nut und der Milchstraße gibt“, erklärt er.

Blick zurück in den Himmel
Für seine Studie nutzte Graur antike Texte, darunter das sogenannte „Buch der Nut“, das ursprünglich den Titel Grundlagen des Sternenlaufs trug. Es behandelt die Bewegungen von Sonne, Mond und Planeten sowie die Sternzyklen. Graur kombinierte diese Texte mit modernen astronomischen Simulationen, um zu rekonstruieren, wie die Milchstraße vor 3000 bis 4000 Jahren aus verschiedenen Orten Ägyptens aus zu sehen war – je nach Jahreszeit und Tageszeit.
Im Buch der Nut wird ihr Kopf mit dem Westhorizont gleichgesetzt, ihr Hinterteil mit dem Osten. Ihre Arme reichen vom Nordwesten bis in den Südosten. Genau diese Anordnung entspricht der Position der Milchstraße am Winterhimmel – so, wie sie damals von Ägypten aus sichtbar gewesen wäre. Graur sieht hierin eine klare Parallele: Die Milchstraße könnte der visuelle Ursprung für die Darstellung der Göttin gewesen sein.
Wegweiser ins Jenseits
Neben ihrer Rolle als Himmelszelt half Nut den Toten auch beim Übergang in die Ewigkeit. Ihre ausgebreiteten Arme sollen ihnen den Weg zu den sogenannten „unvergänglichen Sternen“ gezeigt haben – Sternbilder im Norden, die nie untergehen und deshalb als Symbol für das ewige Leben galten.
Interessanterweise taucht die Vorstellung, dass die Milchstraße ein Pfad ins Jenseits ist, auch in anderen afrikanischen Kulturen auf. Der Himmel als Übergangsraum, die Sterne als Begleiter – eine Idee, die offenbar tief im menschlichen Denken verwurzelt ist.
Mehr als nur Theorie
Natürlich erhebt die Studie keinen Anspruch auf absolute Gewissheit. Aber sie öffnet ein faszinierendes Fenster in die Denkweise vergangener Zivilisationen – und zeigt, wie vielschichtig der Blick zum Himmel schon immer war. Graur selbst beschreibt seine Arbeit als Startpunkt eines größeren Projekts, das die mythologischen Interpretationen der Milchstraße weltweit erfassen und vergleichen soll.
„Meine Forschung zeigt, wie viel Potenzial in der Kombination verschiedener Disziplinen steckt – und wie Astronomie Kulturen, Zeiten und Menschen miteinander verbindet“, sagt er.