Muss das wirklich sein?
Falls du schon einmal beim Zahnarzt in diesem schweren, aber irgendwie gemütlichen Bleischutz gelegen hast und dich gefragt hast: „Moment mal, war ich nicht gerade erst hier? Ist es nicht zu früh für neue Röntgenbilder?“, dann hast du vielleicht recht.
Immer mehr Zahnärzte stellen den Häufigkeit von Röntgenaufnahmen infrage. Sie argumentieren, dass routinemäßige Röntgenbilder, unabhängig von aktuellen Zahnproblemen, nicht nur unnötig, sondern auch potenziell schädlich sind. Zudem widerspricht es den Richtlinien der American Dental Association (ADA).
Ein Streitpunkt in der Dentalwelt
Bereits im Mai 2023 kritisierten drei brasilianische Zahnärzte in einem offenen Brief an das Journal of the American Medical Association (JAMA), dass die Zahnmedizin in manchen Bereichen veraltet sei. Laut ihnen beeinflussen wirtschaftliche Interessen die Branche zu stark: Patienten, die sich Behandlungen leisten können, werden oft überdiagnostiziert, während andere gar nicht erst behandelt werden.
Obwohl Röntgenaufnahmen nicht direkt im Brief erwähnt wurden, sorgte genau dieses Thema für heiße Diskussionen. Während einige Ärzte aus verschiedenen Fachrichtungen argumentierten, dass Röntgenbilder überbewertet würden, betonten andere ihre Wichtigkeit zur Früherkennung von Karies und Zahnfleischerkrankungen.
Die Zahl der Röntgenaufnahmen ist enorm
Ein Blick auf die Zahlen bestätigt, dass Röntgenaufnahmen in Zahnarztpraxen weit verbreitet sind. Eine Studie aus dem Jahr 2023 ergab, dass 2016 allein in den USA 320 Millionen zahnmedizinische Röntgenuntersuchungen durchgeführt wurden – fast eine pro Einwohner. Und das, obwohl laut dem CareQuest Institute for Oral Health mehr als ein Viertel der Amerikaner keine Zahnversicherung hat.
Die Kosten für Röntgenaufnahmen variieren je nach Art und Region, liegen aber durchschnittlich zwischen 30 und 750 Dollar pro Set, so das Finanzierungsunternehmen CareCredit.
Neue Richtlinien zur Häufigkeit von Röntgenuntersuchungen
Die ADA hat ihre Richtlinien in den letzten Jahren angepasst. Bereits 2012 wurde empfohlen, dass erwachsene Patienten ohne Karies oder erhöhtes Kariesrisiko nur alle zwei bis drei Jahre neue Röntgenbilder machen lassen sollten. Im April 2024 wurden diese Empfehlungen erneut aktualisiert.
Laut den Experten der Journal of the American Dental Association bleibt die Strahlenbelastung durch Zahn-Röntgen meist unterhalb der kritischen Grenze. Allerdings betonen sie auch: Jede Menge ionisierender Strahlung kann das Risiko für gesundheitliche Schäden erhöhen.
Daher sollen Zahnärzte Röntgenbilder nicht in festen Zeitintervallen anfertigen, sondern nur dann, wenn sie für Diagnose oder Behandlungsplanung wirklich notwendig sind. Zudem sollen sie vorhandene Röntgenaufnahmen aus vorherigen Untersuchungen berücksichtigen, anstatt einfach neue anzufordern. Die Entscheidung sollte zudem immer gemeinsam mit dem Patienten getroffen werden.
„Wie beim Röntgen der Kinderfüße früher“
Yehuda Zadik, Professor an der Hebräischen Universität in Israel, verglich das routinemäßige Röntgen von Zähnen ohne klare Indikation mit dem früheren Einsatz von Röntgen in Schuhgeschäften, um die Passform von Kinderschuhen zu überprüfen.
Er schrieb in JAMA: „Es wäre unangemessen, bei jeder zahnärztlichen Routineuntersuchung automatisch Röntgenaufnahmen durchzuführen – genauso wie es nicht sinnvoll wäre, regelmäßige Ganzkörper-CT-Scans zu machen, wenn keine Symptome oder klinischen Anzeichen vorliegen.“
Bye-bye, Bleischürze?
Und es gibt noch eine Überraschung: Die ADA hat im Februar 2024 neue Empfehlungen zur Nutzung von Röntgentechnik herausgegeben. Dazu gehört auch die Abschaffung der schweren Bleischürzen und Schilddrüsenschutze.
Laut der ADA sind diese Schutzmaßnahmen in den meisten Fällen nicht notwendig – selbst bei Kindern oder Schwangeren. Studien zeigen, dass sie die Strahlenbelastung nicht signifikant reduzieren, sondern im schlimmsten Fall die Bildqualität beeinträchtigen können, was zu zusätzlichen Röntgenaufnahmen führen könnte.
Fazit: Selbstbewusst beim Zahnarzt nachfragen
Im Internet kursieren viele Fehlinformationen über Zahn-Röntgen. Selbst Google behauptet auf Nachfrage, dass man einmal im Jahr neue Röntgenbilder machen lassen sollte.
Jetzt, da du Bescheid weißt, kannst du das nächste Mal ruhigen Gewissens mit deinem Zahnarzt über den Sinn und Unsinn neuer Aufnahmen sprechen – und dabei vielleicht sogar etwas Geld sparen.