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Wissenschaft

Riesen-Spinnen in Europa? Sie wurden vor dem Aussterben gerettet – aber zu welchem Preis?

Vor über einem Jahrzehnt stand eine der größten Spinnen Europas kurz vor dem Aussterben. Heute haben sich Tausende von Exemplaren dank eines ehrgeizigen Wiederansiedlungsprogramms über mehrere Länder ausgebreitet. Wie gelang es Wissenschaftlern, ihr Verschwinden zu verhindern – und welche Konsequenzen hat ihre Rückkehr?
Von Thomas Handley Übersetzt von

Lesezeit 2 Minuten

Eine Art am Rande des Aussterbens

Spinnen faszinieren und ängstigen gleichermaßen. Mit über 48.000 bekannten Arten weltweit spielen sie eine entscheidende Rolle in Ökosystemen, indem sie die Populationen von Insekten und kleinen Wirbeltieren regulieren. Doch viele Spinnenarten sind durch den Verlust ihres Lebensraums bedroht. Dies galt auch für die Sumpfspinne (Dolomedes plantarius), eine der größten Spinnen Europas, die fast ausgestorben wäre – bis ein Forscherteam beschloss, einzugreifen.

Ein zerstörter Lebensraum und eine Art in der Krise

Sumpfspinnen sind semi-aquatische Tiere, die sich über die Wasseroberfläche bewegen und Beutetiere wie Insekten, Kaulquappen und sogar kleine Fische fangen können. Sie sind an ihrer braunen Färbung mit cremefarbenen Streifen an den Seiten und ihrer beeindruckenden Größe zu erkennen: Weibchen können eine Spannweite von bis zu 10 Zentimetern erreichen – fast so groß wie eine menschliche Hand.

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© Egor Kamelev

Doch noch vor etwa 15 Jahren nahm ihre Population dramatisch ab. Die Zerstörung europäischer Feuchtgebiete ließ ihren Lebensraum drastisch schrumpfen und brachte die Art in eine kritische Lage. Ohne geeignete Gebiete zur Fortpflanzung und zum Überleben ging die Anzahl der Spinnen gefährlich zurück – bis Experten dringende Maßnahmen ergriffen, um sie vor dem endgültigen Aussterben zu bewahren.

Der Rettungsplan: Tausende Spinnen züchten und freilassen

Um die Art zu retten, starteten Forscher des Chester Zoos in Zusammenarbeit mit der Royal Society for the Protection of Birds (RSPB) ein ehrgeiziges Zuchtprogramm. Über Jahre hinweg wurden Hunderte von Spinnen in Gefangenschaft mit kleinen Insekten gefüttert und auf ihre Rückkehr in die Natur vorbereitet.

Sobald die Spinnen ihre Reife erreichten, wurden sie in wiederhergestellten Feuchtgebieten freigelassen. Das Ziel war nicht nur die Wiederherstellung der Population, sondern auch die Wiederherstellung des ökologischen Gleichgewichts dieser Lebensräume, in denen Spinnen eine Schlüsselrolle in der Nahrungskette spielen.

Ein unerwarteter Erfolg: Tausende Spinnen in ganz Europa

Die Ergebnisse übertrafen alle Erwartungen. Laut den neuesten Daten der RSPB gibt es allein in Großbritannien über 10.000 fortpflanzungsfähige Weibchen, insbesondere in Norfolk, wo mindestens 3.750 Exemplare gezählt wurden.

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© Fernando Alarcón

Doch die Auswirkungen beschränken sich nicht nur auf Großbritannien. Die Sumpfspinne ist inzwischen auch in Frankreich – unter anderem in der Region Nord-Pas-de-Calais – sowie in Spanien, mit Sichtungen in Katalonien und Galicien, wieder aufgetaucht. Ihre Ausbreitung ist so bedeutend, dass ihre Zukunft vorerst gesichert scheint.

Ein Modell für den Artenschutz?

Der Erfolg dieses Projekts hat das Interesse an der Erhaltung weiterer bedrohter Spinnenarten geweckt. Die kürzliche Entdeckung der Vogelspinne Aphonopelma jacobli in den USA verdeutlicht die Risiken, denen viele Spinnen durch den Klimawandel und den Verlust ihres Lebensraums ausgesetzt sind.

Die Wiederansiedlung der Sumpfspinne zeigt, dass mit den richtigen Maßnahmen der Rückgang bestimmter Arten umgekehrt werden kann. Gleichzeitig wirft sie Fragen zu den langfristigen Auswirkungen solcher Wiederansiedlungen auf Ökosysteme auf. Könnte die Ausbreitung dieser Spinne das Gleichgewicht in den Regionen, in denen sie wieder eingeführt wurde, verändern?

Vorerst ist die Geschichte der Sumpfspinne ein Beweis dafür, dass menschliches Eingreifen eine Art vor dem Aussterben bewahren kann. Doch wie immer in der Natur gilt: Jede Aktion bringt neue Fragen mit sich.

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