Pünktlich zu Halloween haben Wissenschaftler ein schockierendes Naturschauspiel auf hoher See dokumentiert. Forscher haben einen gigantischen Schwarm Kabeljau vor der norwegischen Küste verfolgt, wie er eine riesige Gruppe von wandernden Lodden (Capelin) abfing und in wenigen Stunden verschlang. Es handelt sich offenbar um das größte je beobachtete Fressspektakel dieser Art.
Viele Meereslebewesen schwimmen in Gruppen, um sich zu schützen, und migrieren in andere Gebiete, was Raubtieren die perfekte Gelegenheit bietet, sich satt zu fressen. Erst in jüngster Zeit sind Wissenschaftler jedoch in der Lage, solche großen Fischpopulationen in Echtzeit zu beobachten. Mithilfe einer sonar-basierten Technik namens „Ocean Acoustic Waveguide Remote Sensing“ (OAWRS) konnten Ozeanographen aus Norwegen und vom MIT dieses unglaubliche Spektakel erstmals dokumentieren.
Ein schwimmendes Buffet in Echtzeit
Die Forscher verfolgten die Bewegungen der Lodden (Mallotus villosus) – kleine, anchoviartige Fische – während sie auf ihren Hauptfeind trafen: den Atlantischen Kabeljau (Gadus morhua). Dies geschah im Februar 2014, während der Laichzeit der Lodden in den Küstengewässern Norwegens. Zunächst bewegten sich die Lodden relativ unorganisiert, bevor sie sich plötzlich zu einem gigantischen Schwarm von etwa 23 Millionen Fischen zusammenballten, der sich über mehrere Meilen erstreckte. Dieses riesige Nahrungsangebot lockte die Kabeljaue an, die sich ebenfalls zu einer großen Gruppe sammelten und sich hemmungslos auf die Lodden stürzten. Innerhalb von nur vier Stunden sollen die Raubfische rund zehn Millionen Lodden gefressen haben.
Wissenschaftliche Bedeutung und ökologische Auswirkungen
„Studien zu Arteninteraktionen mit OAWRS könnten ein neues und besseres Verständnis der Funktionsweise großer mariner Ökosysteme ermöglichen und dazu beitragen, Schlüsselprozesse für die Bewertung und das Management mariner Ressourcen besser zu quantifizieren“, schreiben die Forscher in ihrer im Fachjournal Nature Communications Biology veröffentlichten Arbeit.
Zum Glück für die Lodden hatte dieses Fressspektakel keine gravierenden Auswirkungen auf ihre Gesamtpopulation. Es wird geschätzt, dass Milliarden von Lodden zwischen den Gewässern des nordöstlichen Atlantiks migrieren. Die Kabeljaue haben bei diesem Ereignis also nur etwa 0,1 % der gesamten Population gefressen. Solche groß angelegten Jagdszenarien sind zudem ein wichtiger Teil des natürlichen Gleichgewichts zwischen Räubern und Beutetieren.
Dennoch gibt es besorgniserregende Entwicklungen: Einige Lodden- und Kabeljau-Populationen sind in den letzten Jahren zurückgegangen, vor allem durch kommerzielle Überfischung. Zudem könnte der Klimawandel mit seiner Erwärmung der Ozeane diese Fische weiter gefährden und solche Massenjagden zu einer ernsten Bedrohung für die Bestände machen.
Die Gefahr plötzlicher Raubtierangriffe
„Unsere Untersuchungen zeigen, dass natürliche, katastrophale Raubtierereignisse das Gleichgewicht zwischen Jägern und Beutetieren innerhalb weniger Stunden drastisch verändern können“, erklärt Nicholas Makris, Professor für Maschinenbau und Ozeaningenieurwesen am MIT, gegenüber MIT News. „Das ist kein Problem für eine gesunde Population mit vielen ökologischen Hotspots. Aber wenn diese Hotspots aufgrund von Umweltveränderungen und menschlichem Einfluss weniger werden, könnten solche Ereignisse dramatische Konsequenzen für die betroffenen Arten und das gesamte Ökosystem haben.“
Immerhin bietet die neue Technologie eine wertvolle Möglichkeit, solche Entwicklungen zukünftig besser zu überwachen und den Zustand wichtiger Fischbestände sowie anderer Meereslebewesen genauer zu erfassen.