Mitten im glühenden Sandmeer der Wüsten Namibias, Arabiens und des Omans sind Forscher auf ein außergewöhnliches Phänomen gestoßen: winzige Tunnelstrukturen in Marmor, die sich zu meterlangen Bändern formen. Diese rätselhaften Röhrchen geben Geologen und Mikrobiologen gleichermaßen Rätsel auf – denn sie könnten von einer bisher völlig unbekannten Lebensform stammen, die seit Millionen Jahren im Gestein verborgen liegt. Was haben die Mainzer Wissenschaftler genau entdeckt?
Entdeckung in der Wüste: Spuren, die Fragen aufwerfen
Die Geschichte beginnt nicht in einem Hochsicherheitslabor, sondern an einem der unwirtlichsten Orte der Welt: der Namib-Wüste. Bereits vor 15 Jahren stieß der Geologe Cees Passchier von der Universität Mainz erstmals auf seltsame Röhren in Marmorformationen – Röhren, die sich nicht mit bekannten geologischen Prozessen erklären ließen. Nun hat ein internationales Forschungsteam die Funde erneut unter die Lupe genommen – mit erstaunlichen Ergebnissen.
Die Röhrchen messen nur etwa einen halben Millimeter im Durchmesser, sind aber bis zu drei Zentimeter lang. Ihre Anordnung ist auffällig: Sie verlaufen parallel, in regelmäßigen Abständen, und bilden dadurch Bänder, die sich bis zu zehn Meter durch das Gestein ziehen. Gefunden wurden sie nicht nur in Namibia, sondern auch im Oman und in Saudi-Arabien – überall dort, wo uralte Marmor- und Kalksteinformationen aus der Zeit des Superkontinents Gondwana an die Erdoberfläche treten.
Lebendige Tunnel? Hinweise auf Mikroorganismen
Die Strukturen könnten, so vermuten die Forscher, von Mikroorganismen stammen. Der Gedanke: Diese winzigen Wesen könnten einst durch den Marmor gebohrt haben, um Nährstoffe im Kalziumkarbonat – dem Hauptbestandteil des Gesteins – zu extrahieren. Ein ungewöhnlicher Gedanke, denn Marmor gilt eigentlich als so dicht und hart, dass es schwer vorstellbar ist, wie darin Leben existieren oder gar Tunnel graben könnte.
Doch Spuren solcher „biogenen Aktivitäten“ wurden bereits in anderen Gesteinen gefunden – wenn auch weitaus seltener und nie in dieser Größenordnung. Dass die Röhren möglicherweise eine oder sogar zwei Millionen Jahre alt sind, verleiht dem Fund zusätzliche Brisanz: Handelt es sich um eine ausgestorbene Mikrobenart? Oder gibt es sie womöglich noch irgendwo – versteckt in extremen Nischen unserer Erde?
Rätsel aus der Tiefenzeit
Besonders faszinierend: Die Tunnelstrukturen tauchen ausschließlich in Gesteinen auf, die durch urzeitliche Prozesse vor 500 bis 600 Millionen Jahren entstanden sind. In dieser Zeit vereinigten sich die heutigen Kontinente zu Gondwana. Aus den damaligen Meeresablagerungen bildeten sich Kalkschichten, die durch Druck und Hitze zu Marmor umgewandelt wurden. Und genau in diesem Marmor erscheinen die ungewöhnlichen Röhrchen – wie stumme Zeugen einer Lebensform, die selbst Experten ins Grübeln bringt.
Dass diese Strukturen nicht auf geologische Ursachen wie Verwitterung, Druckrisse oder chemische Reaktionen zurückgehen, macht sie umso geheimnisvoller. Sie scheinen gezielt angelegt, folgen einem biologischen Muster – und widersprechen zugleich allem, was wir bislang über Leben in mineralischen Umgebungen zu wissen glaubten.
Ein Blick in die verborgene Welt des Mikrokosmos
Noch ist unklar, ob es sich bei den Röhren um fossile Reste einer ausgestorbenen Lebensform handelt oder ob irgendwo – in ähnlich extremen Bedingungen – noch verwandte Mikroben existieren. Klar ist jedoch: Die Entdeckung erweitert unseren Blick auf das, was Leben sein kann. Vielleicht lauern im Inneren unserer Erde mehr biologische Geheimnisse, als wir bisher erahnt haben.
Die Forschung der Mainzer Geologen wird nun intensiv weitergeführt, unter anderem mit mikroskopischen Analysen, isotopenchemischen Verfahren und DNA-Screenings. Denn wenn sich der Verdacht bestätigt, dass hier einst eine unbekannte Lebensform ihre Spuren im Gestein hinterlassen hat – dann wäre das nicht nur ein Sensationsfund, sondern auch ein Hinweis darauf, dass das Leben auf unserem Planeten noch viele unerzählte Geschichten bereithält.
Quelle: www.welt.de