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Wissenschaft

Plastikschock aus der Flasche: Viel mehr Nanopartikel im Wasser als gedacht

Dass in abgefülltem Wasser Mikroplastik steckt, ist längst kein Geheimnis mehr. Aber eine neue Studie zeigt: Die Belastung ist deutlich schlimmer, als man bisher annahm. In jeder Literflasche stecken im Schnitt 240.000 Kunststoffteilchen – etwa 100-mal mehr als frühere Schätzungen vermuten ließen.
Von Joseph Winters, Grist Übersetzt von

Lesezeit 2 Minuten

Nanoplastik: Kleiner als gedacht, mehr als befürchtet

Ein Forscherteam der Columbia University und der Rutgers University hat eine neue Analysemethode entwickelt, die es erlaubt, selbst winzige Plastikpartikel von nur 50 bis 100 Nanometern Länge zu erkennen – das ist etwa so breit wie ein Virus. Bei der Untersuchung von drei verschiedenen Wasserflaschen-Marken zeigte sich: Jede enthielt im Schnitt rund eine Viertelmillion dieser winzigen Partikel.

„Wir haben eine ganz neue Welt eröffnet“, sagte Wei Min, Mitautor der Studie und Chemieprofessor an der Columbia University, im Gespräch mit Grist. Bisher fehlten der Wissenschaft einfache und effektive Methoden, um Nanoplastik zu identifizieren – und damit auch verlässliche Daten über deren mögliche Auswirkungen auf Umwelt und Gesundheit.

Bahnbrechende Methode, überraschende Ergebnisse

Das Team filtrierte das Flaschenwasser durch eine ultrafeine Membran und analysierte die Rückstände mithilfe zweier speziell kalibrierter Laser. Diese erkannten die chemischen Bindungen in den Kunststoffpartikeln – und ermöglichten so eine detaillierte Auswertung.

Die Ergebnisse überraschten selbst die Forschenden: Der Großteil der Partikel bestand nicht aus PET (Polyethylenterephthalat), dem Standardmaterial für Wasserflaschen, sondern aus Polyamid (eine Nylon-Variante) und Polystyrol. Das deutet darauf hin, dass ein Großteil der Verschmutzung nicht vom Flaschenmaterial selbst stammt, sondern durch den Abfüll- und Reinigungsprozess ins Wasser gelangt.

Plastik im Körper: Was bedeutet das?

Nanoplastik ist so winzig, dass es die Schutzbarrieren unseres Körpers problemlos überwinden kann. Die Teilchen können den Magen-Darm-Trakt und sogar die Lunge passieren, in den Blutkreislauf gelangen und sich dort in Organen wie Herz oder Gehirn ablagern – sie wurden sogar schon in der Plazenta nachgewiesen.

Was das langfristig für die Gesundheit bedeutet, ist noch unklar. Aber Forscher*innen befürchten, dass die Partikel Chemikalien abgeben oder Krankheitserreger transportieren könnten, die sie zuvor in der Umwelt aufgenommen haben. Erste Studien deuten auf mögliche Schäden an DNA, Gehirn, Immunsystem sowie am Fortpflanzungs- und Nervensystem hin.

„Wir wissen, dass wir diesen Partikeln ausgesetzt sind. Aber wir wissen noch nicht genau, wie gefährlich sie sind“, erklärte Beizhan Yan, Co-Autor der Studie und Umweltchemiker an der Columbia University. Er plädiert für mehr Zusammenarbeit mit Toxikologinnen und Expertinnen aus dem Bereich der öffentlichen Gesundheit – und trinkt selbst lieber Leitungswasser, wenn möglich.

Ausblick: Forschung, Politik und Verantwortung

Laut Wei Min gibt es mehrere spannende Ansätze für die zukünftige Forschung. So könnte die Methode auf weitere Kunststoffarten ausgeweitet oder die Empfindlichkeit der Technik verbessert werden, um noch kleinere Partikel aufzuspüren. Außerdem wäre es möglich, andere potenzielle Quellen für Nanoplastik zu untersuchen – etwa verpackte Lebensmittel oder das Abwasser aus Waschmaschinen.

Sherri Mason, Mikrokunststoff-Forscherin an der Penn State Erie, lobte die Studie als „bahnbrechend“. Sie hofft, dass die Ergebnisse auch politische Konsequenzen nach sich ziehen. Besonders verweist sie auf den „Break Free From Plastic Pollution Act“ – ein US-Gesetzesentwurf zur Eindämmung der Plastikproduktion, der bereits mehrfach ins Parlament eingebracht wurde. Auch auf internationaler Ebene könnte der UN-Plastikvertrag ein Umdenken fördern.

„Ich will keine Welt voller Plastik“, sagte Mason. „Wir müssen unseren Vertreter*innen klarmachen, dass wir einen neuen Weg einschlagen müssen.“


Dieser Artikel erschien ursprünglich bei Grist, einer unabhängigen Non-Profit-Medienplattform für Umwelt- und Klimathemen.

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