Plastik könnte eine neue geologische Ära auf unserem Planeten eingeläutet haben – das Anthropozän. In Hunderten oder sogar Tausenden von Jahren könnten Wissenschaftler Sedimentschichten anhand von Plastikresten datieren, ähnlich wie Archäologen heute antike Fundstücke anhand von Keramikstilen bestimmen. Tatsächlich hat dieser Prozess bereits begonnen: Forscher haben die Geschichte von Vogelnestern in den Niederlanden analysiert, indem sie den Plastikmüll untersuchten, den Vögel für den Nestbau genutzt haben.
Viele Vogelarten, darunter das Blässhuhn, integrieren inzwischen Verpackungen von Lebensmitteln und Getränken in ihre Nester. Drei Biologen rekonstruierten die Geschichte Dutzender Blässhuhn-Nester in Amsterdam mit einer einfachen Methode: Sie lasen die Verfallsdaten auf den Plastikfragmenten.
Plastik verändert das Verhalten von Vögeln
Hier gibt es allerdings ein Problem: Diese Nester sollten eigentlich keine mehrjährige Geschichte haben, denn Blässhühner bauen jedes Jahr neue Nester und verwenden die alten nicht wieder. Doch laut einer am 25. Februar in der Fachzeitschrift The Scientific Naturalist veröffentlichten Studie hat Plastik diese Nester in regelrechte Zeitkapseln verwandelt – und könnte langfristig sogar die Evolution bestimmter Vogelarten beeinflussen.
„Das Blässhuhn ist ein Wasservogel, der in den Niederlanden ursprünglich Nester aus pflanzlichen Materialien baute, die schnell verrotten. Daher errichteten Blässhühner jedes Jahr neue Nester. Doch durch die Nutzung von Plastik und anderen langlebigen Materialien hat sich ihr Verhalten geändert – sie könnten nun Nester aus den Vorjahren wiederverwenden“, erklärten die Forscher. „Das führt dazu, dass sich eine mehrjährige Schichtung in den Nestern bildet, die anhand des Plastiks datiert werden kann.“

Ein Nest als Geschichtsbuch
Auke-Florian Hiemstra von der Universität Leiden sammelte mehr als ein Dutzend verlassene Blässhuhn-Nester, um dieser Verhaltensänderung auf den Grund zu gehen. Zurück im Labor zerlegte er die Nester in zwei Haufen: einen mit natürlichen Materialien und einen mit von Menschen erzeugten Stoffen. Viele dieser Plastikmaterialien enthielten Verfalls- oder Verpackungsdaten, wodurch Hiemstra die Nestschichten genau datieren konnte.
„Man blättert durch diese Nester wie durch ein Geschichtsbuch und deckt die Vergangenheit auf“, sagte Hiemstra in einer Mitteilung des Naturalis Biodiversity Center. Besonders eindrucksvoll war ein Nest mit 635 künstlichen Objekten, darunter 32 datierbare Verpackungen, die bis zu 30 Jahre alt waren. Fast die Hälfte dieses Mülls stammte von McDonald’s – und sogar eine Mars-Verpackung mit Werbung für die Fußball-WM 1994 in den USA wurde gefunden.
Die Spuren des Anthropozäns in Vogelnestern
„Anhand dieser datierbaren Objekte entsteht ein Bild davon, was an diesem Nistplatz in den letzten 30 Jahren passiert ist“, erklärten die Forscher. „Da das Nest an einem Anleger für Touristenboote lag, wurde es nicht Jahr für Jahr systematisch abgetragen, sondern immer wieder umgebaut. Doch beim Sammeln fanden wir in den oberen Schichten aktuelle Gegenstände wie Gesichtsmasken, während die tiefsten Schichten Plastik aus den frühen 1990ern enthielten.“
Ein Abgleich dieser Daten mit archivierten Google-Street-View-Bildern bestätigte: „Blässhühner nisteten tatsächlich in den Jahren, die den Verfallsdaten des Plastiks entsprachen.“
Insgesamt identifizierten Hiemstra und seine Kollegen 15 Blässhuhn-Nester, die durch die Verwendung von Plastik eine mehrjährige Existenz belegten. Sie vermuten, dass dieses Verhalten den Vögeln evolutionäre Vorteile verschaffen könnte. Blässhühner, die bestehende Nester einfach erweitern, sparen Energie, die sie sonst für den kompletten Neubau aufwenden müssten. Dadurch können sie mehr Zeit mit der Verteidigung ihres Territoriums und der Aufzucht ihrer Jungen verbringen.
„Schicht für Schicht, mit jeder neuen Brutperiode, wird Plastikmüll in chronologischer Ordnung abgelegt – und bildet damit eine historische Zeitreihe“, so die Forscher. „Diese aufeinanderfolgenden Ablagerungen aus künstlichen Materialien dokumentieren nicht nur die Geschichte eines Vogelnests, sondern spiegeln auch die Geschichte unseres Anthropozäns wider.“
Wie zukünftige Forscher unsere hinterlassenen Plastikspuren interpretieren werden, bleibt ungewiss – eines ist jedoch sicher: Die Spuren der menschlichen Zivilisation sind bereits jetzt überall zu finden, von Vogelnestern bis hin zu archäologischen Stätten der Eisenzeit.