Das James-Webb-Weltraumteleskop wurde speziell dafür entwickelt, das Universum im Infrarot- und Nahinfrarotbereich zu beobachten. Es sollte also nicht überraschen, wenn es bekannte Objekte auf völlig neue Weise einfängt.
Trotzdem sind wir beeindruckt. Webb hat eine protoplanetare Scheibe von der Kante aus abgelichtet und dabei deren Wind und Jets mit unglaublicher Präzision eingefangen, so die ESA in einer Pressemitteilung. Das Bild ist ein weiteres Beispiel für Webbs erstaunliche Fähigkeiten, die es aus einer Position etwa eine Million Meilen von der Erde entfernt einsetzt.
Das abgebildete Objekt ist eine sogenannte Herbig-Haro-Struktur mit der Bezeichnung HH 30. Solche Objekte sind leuchtende Regionen im All, die neugeborene Protosterne enthalten. Diese jungen Sterne stoßen Gasstrahlen aus und erzeugen starke Winde (quasi das kosmische Pendant zu einem pupsenden Baby, wenn man so will).
Eine neue Perspektive auf die Entstehung von Planeten
Da die protoplanetare Scheibe genau von der Kante aus betrachtet wird, lässt sich erkennen, wie Gas und Staub von dem jungen Stern im Zentrum des Objekts wegströmen. Seitenansichten wie diese bieten oft spannende neue Perspektiven auf bekannte Objekte. Man denke nur an die Gaia-Mission, die eine präzise Kantenansicht der Milchstraße ermöglichte, basierend auf mehr als drei Billionen Beobachtungen. Nach Abschluss dieser kartografischen Meisterleistung ging Gaia in den Ruhestand.
Früher wurde HH 30 bereits vom Hubble-Weltraumteleskop abgelichtet, allerdings nicht mit der gleichen Auflösung oder in denselben Wellenlängen wie Webb. Hubble leistet nach wie vor wertvolle Dienste bei der Beobachtung des Kosmos im optischen, ultravioletten und teilweise infraroten Bereich, doch Webb spielt in einer anderen Liga.
Die Erforschung der Staubentwicklung

Die Webb-Beobachtungen von HH 30 sind Teil eines Forschungsprogramms, das untersucht, wie sich Staub in solchen protoplanetaren Scheiben entwickelt. Dazu wurden die neuen Daten mit früheren Hubble-Aufnahmen sowie mit Daten des Atacama Large Millimeter/Submillimeter Array (ALMA) kombiniert, um ein umfassenderes Bild über mehrere Wellenlängen hinweg zu erhalten.
Doch Webbs Infrarotaufnahme von HH 30 ist nur eine von mehreren faszinierenden Perspektiven auf das Objekt. Es wurde zudem in sichtbarem, nahinfrarotem und mittelinfrarotem Licht beobachtet. In einer weiteren Aufnahme, die von ALMA stammt, erscheint die Scheibe als dünne rötliche Linie.
Ein Blick in die Geburt der Planeten
Die farbigen Jets, die ober- und unterhalb des Zentrums des Objekts zu sehen sind, sind Materialausstöße. Die eigentliche protoplanetare Scheibe zeigt sich als dünnes, dunkles Band, das die leuchtenden blaugünlichen Bereiche des Objekts trennt. Ein zarter blauer Schweif erstreckt sich von der Struktur bis zur unteren linken Ecke des Bildes.
Solche Bilder helfen Wissenschaftler*innen, die extremen Bedingungen besser zu verstehen, unter denen Planeten entstehen. Je mehr Objekte Webb beobachtet, desto mehr erfahren wir darüber, wie sich verschiedene Exoplaneten bilden und letztlich auch, wie unser eigenes Sonnensystem – und damit unsere eigene Welt – entstanden ist.