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Wissenschaft

Neue Studie zeigt: Gürtelrose-Impfung könnte auch Demenz vorbeugen

Wer sich gegen Gürtelrose impfen lässt, könnte nicht nur eine schmerzhafte Infektion vermeiden – sondern auch sein Demenzrisiko senken.
Von Ed Cara Übersetzt von

Lesezeit 3 Minuten

Eine neue Studie aus Stanford liefert den bislang stärksten Hinweis darauf, dass es einen direkten Zusammenhang zwischen der Gürtelrose-Impfung und einem verringerten Risiko für Demenz gibt. Menschen, die sich impfen ließen, erkrankten über einen Zeitraum von sieben Jahren rund 20 % seltener an Demenz als ungeimpfte Personen.

Veröffentlicht wurde die Studie im Fachmagazin Nature. Das Forschungsteam nutzte dafür ein natürliches „Experiment“, das sich vor über zehn Jahren in Wales, Großbritannien, ereignete: Ab September 2013 wurde dort eine Impfkampagne gegen Gürtelrose (Herpes Zoster) für bestimmte Jahrgänge gestartet – mit einem klaren Stichtag. Wer am oder nach dem 2. September 1933 geboren wurde, bekam die Impfung, wer davor geboren wurde, nicht.

Dank dieses exakten Grenzdatums und der sehr gut gepflegten Gesundheitsdaten in Großbritannien konnten die Forschenden die zwei Gruppen direkt miteinander vergleichen. Da die Geburtsdaten so nah beieinanderlagen, teilten die Menschen auch viele andere Faktoren, etwa regelmäßige Arztbesuche oder Lebensgewohnheiten – ein großer Vorteil gegenüber bisherigen Studien, die oft stark durch individuelle Unterschiede verzerrt waren.

280.000 Gesundheitsdaten ausgewertet

Das Team untersuchte die elektronischen Patientenakten von 280.000 Personen, die zwischen 1928 und 1942 geboren wurden. In der impfberechtigten Gruppe ließ sich fast die Hälfte (47 %) impfen – während in der etwas älteren Gruppe so gut wie niemand die Impfung erhielt.

Das Ergebnis: Das Risiko, an Demenz zu erkranken, war in der geimpften Gruppe im Durchschnitt 20 % niedriger. In absoluten Zahlen lag die Reduktion des Risikos bei etwa 3,5 %. Auch Daten aus England bestätigten dieses Muster – dort wurde ein ähnlicher Impfzeitraum eingeführt. Neben dem geringeren Demenzrisiko wurde auch eine niedrigere Sterblichkeitsrate im Zusammenhang mit Demenz festgestellt.

Nicht einfach nur Zufall?

Die große Frage bleibt natürlich: Ist das wirklich Ursache und Wirkung – oder bloß ein statistischer Zufall?

Dr. Pascal Geldsetzer, der die Studie leitete, bleibt vorsichtig optimistisch:

„Zum ersten Mal haben wir Hinweise auf einen kausalen Zusammenhang zwischen der Gürtelrose-Impfung und dem Schutz vor Demenz. Die Effekte sind deutlich – sogar stärker als die bisher verfügbaren Medikamente gegen Demenz.“

Gleichzeitig betont er, dass solche Beobachtungsstudien nie ganz ausschließen können, dass noch andere Faktoren mitspielen. Zwar umgeht die Studie viele typische Schwächen, doch Lebensstilfaktoren wie Ernährung oder Bewegung lassen sich schwer aus Krankenakten herauslesen.

Warum wirkt die Impfung schützend?

Was genau die Impfung mit dem Gehirn macht, ist noch unklar. Eine mögliche Erklärung: Der Herpes-Zoster-Virus, der Gürtelrose auslöst, bleibt nach einer Windpockeninfektion lebenslang im Körper und kann das Nervensystem beeinflussen. Es gibt Hinweise darauf, dass genau diese „schlummernden“ Viren Entzündungen im Gehirn verstärken und so Demenz begünstigen könnten.

Aber auch eine generelle Stärkung des Immunsystems durch die Impfung könnte eine Rolle spielen – möglicherweise hält das Gehirn dadurch länger fit. Denkbar ist auch, dass andere Impfungen ähnlich wirken.

Noch bessere Impfstoffe verfügbar

Die Studie bezieht sich ausschließlich auf den älteren Impfstoff Zostavax, der mittlerweile weitgehend vom Shingrix-Impfstoff abgelöst wurde – einer moderneren und wirksameren Variante. Eine Studie aus Großbritannien zeigte bereits 2023, dass Shingrix das Demenzrisiko noch deutlicher senken könnte als Zostavax.

Das bedeutet: Die tatsächlichen Vorteile, die heute durch eine Impfung möglich sind, könnten sogar noch größer sein als in der Studie gemessen.

Nächster Schritt: Klinische Studien

Damit die medizinische Fachwelt wirklich überzeugt ist, braucht es jetzt konkrete Beweise aus klinischen Studien. Geldsetzer und sein Team wollen deshalb eine solche Studie auf die Beine stellen – was allerdings nicht ganz einfach ist:

„Wenn die Gürtelrose-Impfung Demenz tatsächlich verhindern oder hinauszögern kann, wäre das ein riesiger Fortschritt für die Medizin und die öffentliche Gesundheit. Aber dafür brauchen wir solide Studiendaten.“

Da Zostavax in den USA nicht mehr produziert wird, müsste das Team zusätzliche Mittel aufbringen, um eine Studie mit diesem Impfstoff durchzuführen.

Impfen lohnt sich – gleich doppelt

Selbst wenn noch nicht alle Zusammenhänge restlos geklärt sind, steht eins fest: Die Impfung schützt verlässlich vor Gürtelrose – einer oft extrem schmerzhaften und mitunter langwierig belastenden Erkrankung.

Wenn sie obendrein noch das Risiko für Demenz senkt, wäre das ein medizinischer Jackpot – und ein weiterer, sehr überzeugender Grund, sich impfen zu lassen.

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