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Wissenschaft

Neue Hoffnung in der Adipositas-Therapie: Wissenschaftler entdecken möglichen Ozempic-Konkurrenten ohne Übelkeit

Forscher der Stanford Medicine haben ein vielversprechendes, natürlich vorkommendes Molekül identifiziert, das beim Abnehmen helfen könnte – ohne die unangenehmen Nebenwirkungen, die derzeit bei GLP-1-Medikamenten auftreten.
Von Ed Cara Übersetzt von

Lesezeit 3 Minuten

Ein neuer Hoffnungsträger für die Gewichtsabnahme

Wegovy, zieh dich warm an: Wissenschaftler haben ein natürlich vorkommendes Hormon entdeckt, das Menschen beim Abnehmen helfen könnte – ohne die übelkeitsverursachenden Nebenwirkungen von Semaglutid, dem Wirkstoff in Ozempic und Wegovy.

Ein Forschungsteam der Stanford Medicine hat die Studie, die letzte Woche in der Fachzeitschrift Nature veröffentlicht wurde, durchgeführt. Mithilfe künstlicher Intelligenz entdeckten sie ein bisher unbekanntes Peptid, das bei Mäusen und Minischweinen das Hungergefühl und das Körpergewicht reduzierte – ohne die typischen Nebenwirkungen wie Übelkeit oder Magen-Darm-Beschwerden. Weitere Studien sind nötig, um die Sicherheit und Wirksamkeit beim Menschen zu bestätigen, doch die Ergebnisse könnten einen spannenden Ausblick auf die Zukunft der Adipositas-Behandlung bieten.

Revolution in der Adipositas-Medizin

Semaglutid und ähnliche Medikamente haben in den letzten Jahren die Adipositas-Behandlung revolutioniert. Ursprünglich zur Behandlung von Typ-2-Diabetes entwickelt, haben diese Medikamente bewiesen, dass sie deutlich effektiver beim Abnehmen helfen als alleinige Diät und Bewegung. In klinischen Studien führte die Einnahme zu einem durchschnittlichen Gewichtsverlust von 15 bis 20 Prozent. Semaglutid wirkt, indem es das Hormon GLP-1 nachahmt, das den Appetit und Stoffwechsel reguliert.

Trotz ihrer Wirksamkeit bringen diese Medikamente jedoch oft unangenehme Nebenwirkungen mit sich. Dazu gehören Verdauungsprobleme und in seltenen Fällen sogar eine Magenlähmung (Gastroparese). Wissenschaftler suchen daher nach neuen Wirkstoffen, die möglicherweise noch effizienter sind oder weniger Nebenwirkungen haben. Die Forscher von Stanford verfolgten dabei eine innovative Strategie.

KI-gestützte Suche nach neuen Wirkstoffen

Im menschlichen Körper gibt es zahlreiche Hormone, die erst aktiviert werden, wenn sie von bestimmten Enzymen gespalten werden. Diese Vorstufen nennt man Prohormone, und die Enzymfamilie, die sie verarbeitet, sind die Prohormon-Konvertasen. Die Forscher untersuchten das Enzym Prohormon-Konvertase 1/3, das unter anderem GLP-1 produziert. Sie wollten herausfinden, ob es weitere appetithemmende Hormone gibt, die durch dieses Enzym entstehen.

Zur Beschleunigung des Suchprozesses entwickelten sie einen Algorithmus namens „Peptide Predictor“. Dieser durchforstete eine riesige Menge potenzieller Moleküle, um vielversprechende Kandidaten zu identifizieren. Aus einer ersten Auswahl von 373 Prohormonen, die 2.700 verschiedene Peptide erzeugen könnten, testeten die Wissenschaftler 100 Peptide gezielt auf ihre Wirkung auf das Hungergefühl im Gehirn. Am Ende kristallisierte sich ein besonders vielversprechendes Molekül heraus: das BRINP2-related Peptide (BRP), ein 12 Aminosäuren langes Peptid.

Erfolgreiche Tests an Mäusen und Minischweinen

In Versuchen mit Labormäusen und Minischweinen (deren Stoffwechsel dem menschlichen sehr ähnlich ist) zeigte sich, dass eine einzelne Dosis BRP den Appetit kurzfristig um bis zu 50 Prozent reduzierte. Adipöse Mäuse, die zwei Wochen lang BRP erhielten, verloren signifikant an Gewicht – und zwar größtenteils Körperfett.

Weitere Tests zeigten, dass BRP nicht über den GLP-1-Rezeptor wirkt und somit keine der üblicherweise mit Ozempic oder ähnlichen Medikamenten verbundenen Magen-Darm-Probleme verursacht. Zudem hatten die behandelten Tiere keine Veränderungen in ihrer Bewegungsaktivität, ihrem Angstverhalten oder ihrer Wasseraufnahme – ein Zeichen dafür, dass BRP gut vertragen wird.

„Die von Semaglutid aktivierten Rezeptoren befinden sich nicht nur im Gehirn, sondern auch im Darm, der Bauchspeicheldrüse und anderen Geweben. Das erklärt, warum Ozempic viele Effekte hat, darunter eine verlangsamte Verdauung und eine Senkung des Blutzuckerspiegels“, erklärte Katrin Svensson, leitende Forscherin der Studie und Assistenzprofessorin für Pathologie an der Stanford University. „Im Gegensatz dazu scheint BRP gezielt im Hypothalamus zu wirken, der für Appetit und Stoffwechsel verantwortlich ist.“

Noch viele Fragen offen, aber vielversprechende Zukunft

Obwohl die Ergebnisse vielversprechend sind, befinden sich die Forschungen noch in einem frühen Stadium. Es sind noch viele Studien erforderlich, bevor BRP als potenzielles Medikament gegen Adipositas ernsthaft in Betracht gezogen werden kann. Dazu gehören erfolgreiche klinische Tests am Menschen, um Sicherheit und Effektivität zu bestätigen.

Doch eines ist klar: Die Entdeckung von BRP zeigt, dass Semaglutid & Co. nur der Anfang einer neuen Welle innovativer Adipositas-Therapien sind. Es gibt bereits Dutzende experimentelle Medikamente in der Entwicklung, die mit oder sogar gegenüber Ozempic/Wegovy konkurrieren könnten – darunter auch neue Formulierungen von Semaglutid. Svensson und ihr Team haben bereits Patente auf BRP angemeldet, und sie hat eine Firma gegründet, um das Molekül für den klinischen Einsatz weiterzuentwickeln.

Kein Medikament ist frei von Nebenwirkungen, aber die Zukunft der Adipositas-Behandlung könnte eines Tages weitaus weniger Übelkeit mit sich bringen.

 

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