Nach 20 Jahren akribischer Feldarbeit in den Bergen von Gebel Asyut al-Gharbi nahe der Stadt Asyut haben Archäologen eine spektakuläre Entdeckung gemacht: die 3.900 Jahre alte Grabkammer der Priesterin Idy. Dieser Fund stammt aus einer wenig erforschten Zeit des alten Ägyptens und liefert neue Erkenntnisse über die Stellung von Frauen in der Gesellschaft des Mittleren Reiches.
Zwischen den Grabbeigaben fanden die Forscher zwei kunstvoll verzierte Holzsärge mit Inschriften, die Idy als Priesterin der Göttin Hathor identifizieren. Zudem trug sie den Titel der „Herrin des Hauses“, was auf den hohen gesellschaftlichen Rang ihrer Familie hinweist. In einer Mitteilung der Freie Universität Berlin lobten die Wissenschaftler die Entdeckung als bedeutenden archäologischen Durchbruch, der neue Erkenntnisse über Frauen und den Wissenstransfer im alten Ägypten ermöglicht.
Eine unzugängliche Kammer offenbart ihr Geheimnis
Die Grabkammer von Idy lag in einer bisher unzugänglichen Seitenkammer innerhalb des monumentalen Grabes ihres Vaters Djefaihapi I. Dieser war im Jahr 1880 v. Chr. Gouverneur der alten Stadt Asyut. Zwar hatten Grabräuber das Versteck bereits geplündert, dennoch konnten die Archäologen wertvolle Grabbeigaben bergen, darunter kunstvolle Holzfiguren, einen Dolch, pharaonische Insignien und Nahrungsopfer. Das ägyptische Ministerium für Tourismus und Altertümer bestätigte den Fund in einem Facebook-Post im vergangenen Monat.
Die beiden Särge waren ineinander verschachtelt, aus importiertem Holz gefertigt und mit detaillierten Bildszenen und Texten versehen, die Idys Reise ins Jenseits schildern. Die prächtigen Dekorationen entsprechen denen im Grab ihres Vaters und sind für diese Epoche außergewöhnlich. Djefaihapi I. genoss nach seinem Tod Kultstatus und sein in den Fels gehauenes Grab – 11 Meter hoch, 28 Meter tief und 70 Meter breit – blieb über 2.000 Jahre hinweg ein bedeutendes Symbol.
Einblicke in Idys Leben und Bestattung
Neben Idys skelettierten Überresten entdeckten die Forscher auch Textilfragmente sowie eine beschriftete Kiste mit Kanopen, die ihre herausgenommenen Organe – Leber, Milz, Lunge und Darm – enthielt. Diese wurden im Zuge des Einbalsamierungsprozesses sorgfältig aufbewahrt. Aufgrund dieser Funde schätzen Wissenschaftler, dass die Priesterin etwa 40 Jahre alt wurde.
Die Grabkammer wurde in der Nekropole des alten Asyut gefunden, einem Ort, den Archäologen untersuchen, um die kulturelle Bedeutung der Stadt in früheren Zeiten zu verstehen. Während des Mittleren Reiches (etwa 2030–1650 v. Chr.) war Asyut ein bedeutendes politisches und kulturelles Zentrum, das strategisch zwischen den antiken Städten Memphis und Theben lag. Im Laufe der Jahrhunderte geriet die Stadt jedoch in Vergessenheit, als sie unter Nil-Sedimenten und moderner Bebauung begraben wurde. Dadurch blieb sie im Vergleich zu bekannten Stätten wie Theben oder Luxor lange Zeit im Schatten.
Eine Epoche im Fokus der Forschung
Das Mittlere Reich ist unter den drei großen Epochen des alten Ägyptens die am wenigsten dokumentierte. Viele Monumente dieser Zeit wurden im Laufe der Geschichte zerstört oder geplündert, sodass diese fast vier Jahrhunderte umfassende Periode oft nur wenig Beachtung in der akademischen Forschung fand.
Die neu entdeckten Funde aus Idys Grab wurden dem ägyptischen Ministerium für Altertümer und Tourismus übergeben. Die Wissenschaftler sind sich sicher, dass dieser bemerkenswerte Fund nicht nur zum Wiederaufleben des Interesses an Asyut beiträgt, sondern auch neue Erkenntnisse über eine lange vernachlässigte Epoche ägyptischer Geschichte liefert.