Die beste Behandlung für einen kräftigen Schlag auf den Kopf könnte in Zukunft ein schneller Sprühstoß aus einem Nasenspray sein. Forscher haben erste Hinweise darauf gefunden, dass eine auf Antikörpern basierende Therapie, die über die Nase verabreicht wird, die durch Gehirnerschütterungen und schwerere traumatische Hirnverletzungen verursachten Schäden verringern kann.
Wissenschaftler von Mass General Brigham führten die Studie durch, die am Donnerstag in Nature Neuroscience veröffentlicht wurde. Bei Mäusen mit Hirnverletzungen schien das experimentelle Spray den natürlichen akuten Heilungsprozess des Gehirns zu verbessern und gleichzeitig schädliche Entzündungen in einer späteren Phase zu reduzieren. Die Forscher sehen darin eine mögliche präventive Maßnahme gegen die langfristigen Auswirkungen traumatischer Hirnverletzungen sowie anderer Erkrankungen wie Schlaganfälle.
Ein großes Gesundheitsproblem: traumatische Hirnverletzungen
Traumatische Hirnverletzungen (TBI) sind ein weit verbreitetes gesundheitliches Problem. Laut den Centers for Disease Control and Prevention (CDC) wurden allein im Jahr 2020 über 200.000 Amerikaner wegen einer TBI ins Krankenhaus eingeliefert, fast 70.000 Menschen starben an den Folgen. Zudem zeigt die Forschung zunehmend, dass selbst leichte TBIs, also Gehirnerschütterungen, langfristige neurologische Probleme verursachen und das Risiko für Demenz Jahrzehnte später erhöhen können.
Zwar gibt es Maßnahmen, um die akuten Folgen von TBIs zu verringern – beispielsweise Ruhe bei Gehirnerschütterungen oder chirurgische Eingriffe bei schweren Verletzungen –, doch bislang gibt es keine Medikamente, die langfristige Schäden verhindern. (Allerdings spielt die neurologische Rehabilitation eine wichtige Rolle bei der Erholung.)
In den letzten Jahren haben Forscher von Mass General Brigham jedoch an einem experimentellen, im Labor entwickelten Antikörper namens Foralumab geforscht, der bereits vielversprechende Ergebnisse bei neurologischen Erkrankungen wie Multipler Sklerose (MS) gezeigt hat. Nun untersuchten sie, ob Foralumab auch bei TBIs nützlich sein könnte.
Wie funktioniert Foralumab?
Der von Tiziana Life Sciences entwickelte Antikörper zielt auf eine bestimmte Gruppe von Proteinen ab, die mit den Immunzellen des Gehirns interagieren – sogenannte CD3-Proteine. Frühere Studien des Forschungsteams haben nahegelegt, dass die Hemmung von CD3 die Aktivität bestimmter Immunzellen erhöht: der regulatorischen T-Zellen (Treg). Diese Zellen sind dafür bekannt, die Immunantwort des Gehirns zu regulieren und eine übermäßige Entzündung zu verhindern.
„Traumatische Hirnverletzungen sind eine der Hauptursachen für Tod und Behinderungen – einschließlich kognitiven Abbaus – und chronische Entzündungen sind einer der Hauptgründe dafür“, erklärte Studienleiter Saef Izzy, Leiter des Immunology of Brain Injury Program am Brigham and Women’s Hospital, in einer Mitteilung von Mass General.
Verbesserte Heilung und weniger Entzündungen
In ihrer aktuellen Mäusestudie fanden die Forscher heraus, dass Foralumab – durch die erhöhte Aktivität der Treg-Zellen – verschiedene Heilungsprozesse des Gehirns nach einer traumatischen Verletzung verbesserte. Beispielsweise wurden die Mikroglia-Zellen (die erste Verteidigungslinie des Gehirns gegen Schäden) effizienter darin, beschädigte Zellen zu „fressen“ und aufzuräumen.
Nach der ersten akuten Heilungsphase schien das Medikament außerdem zu verhindern, dass sich die Mikroglia chronisch entzündeten. Im Vergleich zur Kontrollgruppe zeigten mit Foralumab behandelte Mäuse, die bis zu drei Tage nach der Verletzung dosiert wurden, deutliche Verbesserungen in ihrer motorischen Funktion und Koordination.
„Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass ein nasales Anti-CD3 eine vielversprechende neue Therapieoption zur Behandlung von TBIs und möglicherweise auch anderer akuter Hirnverletzungen darstellt“, schreiben die Forscher.
Hoffnung auf eine neue Therapie für Hirnverletzungen
Studien an Mäusen und anderen Tieren sind nur der erste Schritt, um zu prüfen, ob ein neues Medikament oder eine neue Behandlung wie erhofft funktioniert. Weitere Forschung ist erforderlich, um das Potenzial von Foralumab für die Behandlung von TBIs zu validieren.
Allerdings hat der Antikörper bereits erste positive Ergebnisse in klinischen Studien mit Menschen gezeigt – insbesondere bei Multipler Sklerose. Weitere Studien für Alzheimer und Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) laufen bereits oder stehen kurz bevor. Das weckt Hoffnung, dass Foralumab eine dringend benötigte neue Therapie für verschiedene Gehirnerkrankungen werden könnte – einschließlich traumatischer Hirnverletzungen.