Nachdem das Tool letztes Jahr wegen massiver Datenschutzbedenken gestoppt wurde, kommt es jetzt zurück – und zwar schrittweise. Wer Windows 11 nutzt, sollte sich darauf vorbereiten – selbst wenn man es selbst nicht aktiv nutzt.
Recall ist eine Funktion, die automatisch Screenshots von fast allem macht, was du auf deinem Copilot+ PC gerade machst – egal ob App, Webseite oder Dokument. Diese Screenshots werden lokal gespeichert und mithilfe von KI analysiert. Später kannst du dann nach bestimmten Inhalten suchen und mit einem Klick zur entsprechenden Stelle zurückspringen. Klingt praktisch, vor allem für alle, die ständig Tabs und Fenster vergessen – aber das Ganze hat einige Haken.
Datenschutzprobleme – Version 2.0?
Die erste Version von Recall musste Microsoft schnell wieder einpacken. Der Grund: Sicherheitsforscher:innen hatten festgestellt, dass jeder mit Zugriff auf den PC auch auf die Recall-Daten zugreifen konnte – inklusive gespeicherter Screenshots von Bankseiten, Sozialversicherungsnummern oder privaten Nachrichten. Die Funktion war weder verschlüsselt noch durch Authentifizierung geschützt.
Nun wurde Recall überarbeitet. Wer das Tool nutzen will, muss sich per Windows Hello (also Gesichtserkennung, Fingerabdruck oder PIN) authentifizieren. Außerdem kannst du bestimmte Webseiten und Apps ausschließen – allerdings nur in Edge, Chrome, Firefox und Opera. Ob das immer zuverlässig funktioniert, ist fraglich: Schon Ende 2024 zeigten Berichte, dass Recall Bankdaten nicht zuverlässig erkannte und speicherte, obwohl es das eigentlich nicht tun sollte.
Recall frisst Speicher – jede Menge
Ein weiteres Manko: Recall ist ein echter Speicherfresser. Auf Geräten mit mindestens 1 TB SSD reserviert Windows standardmäßig 150 GB Speicherplatz nur für die ständig rotierende Screenshot-Datenbank. Die Speicherzeit lässt sich im Menü Datenschutz & Sicherheit > Recall & Snapshots einstellen – aber das muss man erst einmal wissen.
So kannst du Recall deaktivieren
Beim ersten Start nach dem Update wirst du gefragt, ob du Recall aktivieren willst. Entscheidest du dich später dagegen, kannst du das Feature manuell deaktivieren:
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In der Taskleiste nach „Windows-Features aktivieren oder deaktivieren“ suchen,
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Recall in der Liste suchen und Häkchen entfernen.
Das klingt simpel – aber für viele wird es trotzdem unter dem Radar laufen. Und genau das ist das Problem: Wenn du Recall deaktivierst, dein Bruder, deine Kollegin oder deine Oma aber nicht, dann landet vielleicht dein Chatverlauf, dein Foto oder dein Passwort auf deren Screenshot-Archiv, ohne dass du je davon erfährst.
Auch Freunde können zur Schwachstelle werden
Datenschutz endet nicht beim eigenen Gerät. Selbst wenn du Recall nicht nutzt, andere könnten deine Inhalte mitschneiden. Der Sicherheitsblogger „Em“ warnte auf Mastodon: Wenn du jemandem per Messenger oder Mail ein Bild oder eine Nachricht schickst, könnte Recall das automatisch erfassen und langfristig speichern – ohne dein Wissen oder deine Zustimmung.
Klar: Sensible Daten sollte man grundsätzlich nicht unverschlüsselt über Messenger oder E-Mail verschicken. Aber mal ehrlich – wer von uns nutzt im Alltag konsequent Signal oder verschlüsselte Dienste, wenn WhatsApp, Discord oder Facebook Messenger bequemer sind?
Microsofts großer Fehler: Standard statt Opt-in
Viele der Bedenken wären deutlich kleiner, wenn Recall nicht automatisch aktiv wäre. Wenn man es gezielt installieren oder bewusst einschalten müsste, hätten Nutzer:innen mehr Kontrolle – und würden vielleicht auch genauer überlegen, ob sie das Feature wirklich wollen. Stattdessen kommt es jetzt „still und heimlich“ über ein Update, und viele werden es einfach durchklicken, ohne zu wissen, was genau es tut.
Und selbst für technikaffine Nutzer:innen ist Recall nicht unbedingt attraktiv: 150 GB für Screenshots? Das ist Speicherplatz, den man auch für ein Spiel wie Baldur’s Gate III nutzen könnte – oder für Fotos, Videos, Musik, Projekte. Ganz zu schweigen vom Risiko, dass versehentlich peinliche oder vertrauliche Inhalte gespeichert und auffindbar bleiben.
Nützlich? Vielleicht. Unproblematisch? Sicher nicht.
Recall kann für vergessliche Nutzer:innen tatsächlich hilfreich sein – wie eine KI-gestützte Zeitleiste für den digitalen Alltag. Aber der Preis dafür ist hoch: Speicherplatz, Datenschutz, Kontrolle. Und selbst wenn du es selbst im Griff hast, heißt das noch lange nicht, dass alle anderen es auch haben.
Wenn Microsoft Recall wirklich etablieren will, braucht es bessere Voreinstellungen, transparentere Kommunikation – und vor allem die Entscheidungsmacht beim User. Bis dahin gilt: Augen auf beim Windows-Update – und lieber einmal mehr auf deaktivieren klicken.