Dass sich Depressionen auf Körper und Geist auswirken, ist bekannt. Aber was, wenn auch unsere Körpertemperatur dabei eine Rolle spielt – und nicht nur als Nebeneffekt? Genau das legt eine neue Studie der University of California San Francisco nahe: Menschen mit Depressionen haben im Schnitt eine höhere Körpertemperatur als gesunde Vergleichspersonen. Und das eröffnet ganz neue Ansätze für zukünftige Therapien – darunter auch Saunagänge, die paradox klingen, aber eine „Abkühlung von innen“ bewirken könnten.
Temperatur und Psyche: Gibt es einen Zusammenhang?
Schon frühere, kleinere Studien hatten eine Verbindung zwischen Depressionen und erhöhter Körpertemperatur vermutet – doch oft waren nur 10 bis 20 Personen beteiligt. Die jetzt veröffentlichte Arbeit nutzt erstmals eine riesige Datenbasis von über 20.000 Menschen, die im Rahmen der TemPredict-Studie gesammelt wurde.
Ursprünglich sollte TemPredict klären, ob Wearables wie smarte Armbänder frühe Anzeichen einer Covid-19-Infektion anhand von Hauttemperatur, Puls und Co. erkennen können. Doch die große Datenmenge ließ sich auch für ganz andere Forschungsfragen nutzen – etwa zur Wechselwirkung zwischen Körpertemperatur und psychischem Wohlbefinden.
Je höher die Temperatur, desto stärker die Symptome
In der aktuellen Auswertung zeigte sich ein klarer Zusammenhang: Teilnehmende, die depressive Symptome angaben, hatten im Schnitt eine höhere Körpertemperatur – sowohl laut Eigenaussage als auch gemessen durch tragbare Sensoren. Und: Je höher die Temperatur, desto stärker waren die Symptome ausgeprägt.
„Es gibt zwar schon ältere Studien zu diesem Zusammenhang, aber unsere ist die erste, die das in so großem Maßstab zeigen kann“, sagt Studienleiterin Ashley Mason, Professorin für Psychiatrie am UCSF Weill Institute for Neurosciences. Die Hoffnung: Diese Erkenntnisse könnten mehr Aufmerksamkeit auf die biologischen Mechanismen hinter Depressionen lenken – und neue Wege zur Behandlung eröffnen.
Ursache oder Folge? Das bleibt (noch) unklar
Wie bei vielen Beobachtungsstudien gilt auch hier: Korrelation ist nicht gleich Kausalität. Noch lässt sich nicht sicher sagen, ob eine höhere Körpertemperatur Depressionen begünstigt – oder ob Depressionen wiederum das Temperaturzentrum im Gehirn beeinflussen. Möglich ist auch eine Wechselwirkung in beide Richtungen.
Spannend ist aber ein weiteres Detail: Menschen, die sich von ihrer Depression erholen – ganz egal wie, ob durch Medikamente oder Psychotherapie – zeigen oft auch eine Normalisierung ihrer Körpertemperatur. Und das bringt Mason und ihr Team auf eine vielversprechende Spur.
Schwitzen gegen die Depression?
Denn es gibt Hinweise darauf, dass gezielte „Hitzereize“ langfristig eine temperatursenkende Wirkung haben könnten. So steigern etwa Infrarot-Saunen die Körpertemperatur akut – der Körper reagiert mit Schwitzen, einem natürlichen Kühlmechanismus. Die Folge: Die Körpertemperatur sinkt anschließend sogar unter das Ausgangsniveau.
Mason hat bereits eine erste Sauna-Studie abgeschlossen – die Ergebnisse sollen noch dieses Jahr veröffentlicht werden. Gleichzeitig läuft derzeit die sogenannte HEAT Bed-Studie, bei der geprüft wird, ob regelmäßige Saunagänge in Kombination mit kognitiver Verhaltenstherapie die Wirksamkeit der Behandlung steigern können.
Körperzentrierte Therapie ohne Medikamente?
Mason ist überzeugt: „Diese Daten sind aufregend, weil sie auf ein potenziell völlig neues, körperbasiertes Therapieverfahren hinweisen – ganz ohne Medikamente oder klassische Psychotherapie.“
Zwar steckt die Forschung noch in den Anfängen, doch die Idee hat Charme: Statt chemisch ins Gehirn einzugreifen, nutzt man die Körperphysiologie selbst – in diesem Fall über die Temperaturregulation.
Neue Wege in der Depressionsbehandlung
Auch wenn noch viele Fragen offen sind, könnte dieser Ansatz das Spektrum der Depressionstherapie langfristig erweitern. Ob mit Sauna, speziellen Kühlmethoden oder anderen temperaturbasierten Interventionen – die Verbindung zwischen Körper und Psyche wird immer klarer.