ADHS allein ist schon herausfordernd genug – doch eine neue Studie zeigt jetzt, dass Menschen mit der Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung im Durchschnitt früher sterben als erwartet.
Wissenschaftler des University College London (UCL) in Großbritannien analysierten Gesundheitsdaten von Menschen mit und ohne ADHS. Die Ergebnisse zeigen: Betroffene sind häufiger krank und haben eine niedrigere Lebenserwartung als Menschen ohne die Diagnose. Dies deute darauf hin, dass viele Betroffene nicht die Unterstützung erhalten, die sie benötigen, erklären die Forscher.
ADHS – Mehr als nur Konzentrationsprobleme
ADHS ist eine komplexe Störung, die sich durch Symptome wie Unruhe, Impulsivität und Konzentrationsprobleme äußert – besonders bei alltäglichen Aufgaben. Die Ursachen sind vielfältig und umfassen sowohl genetische Faktoren als auch Umweltfaktoren wie eine frühe Belastung durch Schadstoffe wie Blei. ADHS tritt meist im Kindesalter auf, doch viele Betroffene erhalten ihre Diagnose erst als Erwachsene – oder gar nicht. Zwar verschwindet ADHS im Erwachsenenalter nicht, doch die Symptome können sich verändern.
Höheres Risiko für gesundheitliche Probleme
Menschen mit ADHS haben ein erhöhtes Risiko für verschiedene gesundheitliche Probleme. Sie leiden öfter unter Schlafstörungen, Substanzmissbrauch oder langanhaltendem Stress, etwa durch Arbeitslosigkeit. Bisherige Studien deuten darauf hin, dass ADHS-Betroffene eine niedrigere Lebenserwartung haben könnten. Allerdings gab es bislang nur wenige Untersuchungen, die das Ausmaß dieses Problems konkret beziffern konnten.
Die Ergebnisse der neuen Studie
In der aktuellen Untersuchung analysierten die Wissenschaftler die medizinischen Daten von etwa 30.000 erwachsenen Patienten in Großbritannien mit diagnostizierter ADHS. Diese Gruppe wurde mit einer gleichaltrigen Kontrollgruppe ohne ADHS verglichen, die hinsichtlich Geschlecht und behandelnder Ärzte ähnliche Merkmale aufwies.
Die Studie zeigt, dass Menschen mit ADHS häufiger an körperlichen und psychischen Erkrankungen leiden – darunter Diabetes, Bluthochdruck, Angststörungen und Depressionen. Zudem wiesen sie eine höhere Sterblichkeitsrate in verschiedenen Altersgruppen auf, sowohl bei Männern als auch bei Frauen. Insgesamt errechneten die Forscher, dass ADHS mit einer verringerten Lebenserwartung von durchschnittlich 6,78 Jahren bei Männern und 8,64 Jahren bei Frauen verbunden ist.
„Die Tatsache, dass diagnostizierte ADHS-Patienten kürzere Lebenserwartungen haben, ist äußerst besorgniserregend. Das zeigt, dass ihr Unterstützungsbedarf bisher nicht ausreichend gedeckt wird – und das muss dringend geändert werden“, schreiben die Wissenschaftler in ihrer Studie, die im British Journal of Psychiatry veröffentlicht wurde.
Sind die Zahlen zu hoch gegriffen?
Die Forscher betonen, dass ihre Studie nur Menschen mit diagnostizierter ADHS erfasste. Das könnte dazu führen, dass die tatsächlichen Zahlen verzerrt sind, da viele Menschen mit ADHS keine offizielle Diagnose haben. Nur etwa 0,32 % der untersuchten Stichprobe hatte eine ADHS-Diagnose, während andere Studien davon ausgehen, dass rund 3 % der Bevölkerung betroffen sind. Möglicherweise haben diagnostizierte Patienten auch häufiger zusätzliche gesundheitliche Probleme als nicht diagnostizierte Betroffene. Dadurch könnte die Studie das tatsächliche Risiko einer verkürzten Lebenserwartung durch ADHS überschätzen.
Außerdem fehlten der Untersuchung genaue Daten zu den Todesursachen der Patienten, sodass keine klaren Zusammenhänge zwischen ADHS und den spezifischen Gesundheitsrisiken hergestellt werden konnten.
ADHS muss früher erkannt und behandelt werden
Trotz dieser Unsicherheiten ist klar: Menschen mit ADHS stehen vor erheblichen gesundheitlichen und sozialen Herausforderungen. Die Forscher betonen, dass dringend mehr getan werden muss, um ADHS früher zu diagnostizieren und Betroffenen rechtzeitig zu helfen.
„Es ist entscheidend, die Ursachen der frühzeitigen Sterblichkeit von ADHS-Patienten zu verstehen, damit wir wirksame Strategien zur Prävention entwickeln können“, erklärt Studienleiterin Liz O’Nions in einer Stellungnahme des UCL.
ADHS ist mehr als eine Konzentrationsschwäche – es hat tiefgreifende Auswirkungen auf die Gesundheit und das Leben der Betroffenen. Die Studie zeigt, dass es an der Zeit ist, das Bewusstsein für die Erkrankung zu schärfen und Menschen mit ADHS besser zu unterstützen.