Ein Blick zurück in eine kriegerische Vergangenheit
Laut einem aktuellen Bericht des Wien Museums stammt das Grab aus der Zeit zwischen dem mittleren 1. und frühen 2. Jahrhundert n. Chr. – einer Periode, in der es immer wieder zu heftigen Kämpfen zwischen römischen Legionären und germanischen Stämmen kam. Die Knochen, die nun freigelegt wurden, erzählen eine brutale Geschichte: Nahezu alle Toten waren junge Männer zwischen 20 und 30 Jahren. Ihre Gebisse waren in bemerkenswert gutem Zustand, aber gegen Speere, Schwerter und Pfeile halfen auch die besten Zähne nichts.
„Die Verletzungen an den Knochen lassen sich eindeutig dem Kampfgeschehen zuordnen“, erklärt Michaela Binder, leitende Anthropologin beim archäologischen Dienstleister Novetus GmbH. Hinweise auf Krankheiten oder eine Epidemie? Fehlanzeige. Stattdessen sprechen tiefe Stich- und Schnittwunden eine klare Sprache.
Grabfunde mit Seltenheitswert
Neben den menschlichen Überresten entdeckten Archäologen auch militärische Ausrüstung: Schuppenpanzer, Lanzenspitzen, Helmelemente, Schuhnägel und ein stark korrodiertes Eisendolchfragment. Besonders dieser Dolch erwies sich als Schlüssel zur zeitlichen Einordnung. Mithilfe von Röntgenaufnahmen entdeckte man silberne Drahtintarsien, typisch für römische Dolchscheiden der Zeit um 100 n. Chr.
„Da in dieser Zeit Feuerbestattungen im römischen Reich üblich waren, sind Funde von vollständigen Skeletten extrem selten“, erklärt Kristina Adler-Wölfl, Leiterin der Wiener Stadtarchäologie. Die Entdeckung ist deshalb nicht nur außergewöhnlich, sondern auch wissenschaftlich von unschätzbarem Wert.
Das antike Wien: Vindobona und die Donaugrenze
Dass Wien auf römischen Fundamenten steht, ist kein Geheimnis. Die Stadt hat ihre Wurzeln im Legionslager Vindobona, das nur sieben Kilometer vom Grabungsort im Bezirk Simmering entfernt lag. Doch bisher fehlte handfester archäologischer Beweis für direkte Kampfhandlungen in dieser Region – bis jetzt.
„Die Funde könnten darauf hindeuten, dass die entdeckte Schlacht ein Auslöser für den Ausbau des kleinen Militärpostens zum großen Lager Vindobona war“, sagt Stadtarchäologe Martin Mosser. Damit würden die sterblichen Überreste der Soldaten nicht nur von einem historischen Konflikt zeugen – sondern möglicherweise den Anfang von Wiens urbaner Geschichte markieren.
Die Kämpfe an der sogenannten Donau-Limes, der östlichen Grenze des Römischen Reiches, sind durch schriftliche Quellen aus der Zeit des Kaisers Domitian (81–96 n. Chr.) überliefert. Auch Kaiser Trajan, der kurz darauf regierte, trieb den Ausbau dieser Grenze systematisch voran. Der nun entdeckte Fund liefert erstmals archäologisch greifbare Beweise für die Konflikte entlang dieser Linie.
„Eine wahre Sensation für Wien“
Für Veronica Kaup-Hasler, Wiens Stadträtin für Kultur und Wissenschaft, hat der Fund eine besondere Bedeutung: „In Wien rechnet man beim Aufgraben des Bodens fast immer mit römischen Spuren – schließlich war es Vindobona, das den Grundstein unserer Stadt legte. Aber ein römisches Massengrab mitten in Simmering zu finden, ist eine wahre Sensation.“
Die Arbeiten an der Fundstelle laufen weiter, begleitet von internationalen Expert*innen. Währenddessen geben die Skelette langsam ihre Geheimnisse preis – und erzählen von einer Zeit, in der das heutige Wien noch Grenzposten in einem riesigen Imperium war.