Wusstest du, dass ein Buch weit mehr als nur Unterhaltung sein kann? Immer mehr Menschen im Vereinigten Königreich und in anderen Ländern greifen zur Bibliotherapie – einer Strategie, die die Freude am Lesen mit der Fürsorge für die psychische Gesundheit verbindet. Mit professioneller Begleitung und gezielt ausgewählten Titeln werden Buchseiten zu Verbündeten im Verstehen komplexer Emotionen und im Lindern innerer Einsamkeit.
Wenn Lesen zur emotionalen Medizin wird
Laut dem Programm Reading Well gaben 81 % derjenigen, die Leseempfehlungen befolgten, an, ihr emotionales Befinden besser verstanden zu haben. Diese Zahl treibt den Aufschwung der Bibliotherapie an – eine Praxis, die Romane oder Ratgeber vorschlägt, um mit Problemen wie Angst oder Depression umzugehen. Obwohl die Idee nicht neu ist, sorgen ihre Wirksamkeit und mögliche Risiken weiterhin für Diskussionen unter Fachleuten.
Bibliothekarinnen wie Elizabeth Russell erzählen echte Geschichten: Durch von Expert:innen wie Ella Berthoud empfohlene Bücher konnte sie ihre eigenen Emotionen in fiktiven Figuren wiedererkennen und jenen Gefühlen einen Namen geben, die sie zuvor überwältigten.
Wie es funktioniert – und warum nicht jedes Buch hilft
Seit 2013 hat Reading Well Millionen von Büchern in England und Wales verteilt – in Zusammenarbeit mit öffentlichen Bibliotheken. Jede Leseliste stammt von Fachleuten für psychische Gesundheit und Personen mit direkter Erfahrung in den behandelten Störungen. Ziel ist es, Leser:innen zu leiten und zu verhindern, dass ein ungeeignetes Buch das Gegenteil dessen bewirkt, was es soll.
Forscher:innen wie Giulia Poerio von der University of Sussex bestätigen, dass Lesen aus Freude mit weniger Stress und größerer sozialer Verbundenheit einhergeht. Dennoch funktioniert nicht jede Publikation als universelles Heilmittel. Eine Studie aus dem Jahr 2004 zeigte, dass manche Selbsthilfebücher bei Essstörungen genauso wirksam sein können wie formale Therapien – andere Untersuchungen betonen jedoch, wie wichtig eine sorgfältige Auswahl ist.
Falsch gewählte Lektüre: eine stille Gefahr
Expertinnen wie Emily Troscianko von der University of Oxford warnen, dass die Identifikation mit fiktiven Figuren nicht immer entlastet. Im Gegenteil: Erzählungen über Süchte oder Essstörungen können Obsessionen verstärken oder riskantes Verhalten fördern – und so Symptome verschärfen, statt sie zu lindern.
James Carney, Wissenschaftler an der London Interdisciplinary School, unterstreicht, dass Bibliotherapie kein Wundermittel und kein Ersatz für medizinische Betreuung ist. In akuten Situationen – etwa bei Psychosen oder suizidalen Gedanken – sei es unerlässlich, sofort professionelle Hilfe zu suchen und sich nicht allein auf ein Buch zu verlassen.
Die richtige Wahl und gemeinsame Lektüre: Schlüssel zum Erfolg
Für Dr. Andrew Schuman vom britischen National Health Service entfalten Bücher ihre Wirkung am besten als Ergänzung zu einer formalen Therapie. Er empfiehlt gezielt Werke für Patient:innen, die er gut kennt, und erinnert daran, dass jede:r Leser:in das Recht hat, ein Buch zu schließen, das Unbehagen auslöst.
Das Programm Reading Well passt seine Listen laufend an das Feedback der Nutzer:innen an. Romane über Essstörungen wurden entfernt, und bei Themen wie Demenz werden bevorzugt reale Geschichten eingesetzt – mit dem Ziel, besonders verletzliche Leser:innen zu schützen.

Gemeinsam lesen – besser heilen
Lesekreise und Poesiegruppen verstärken die positiven Effekte der Bibliotherapie. In einem geschützten Raum Meinungen auszutauschen und zu hören, wie andere eine Geschichte interpretieren, hilft dabei, schwierige Gefühle zu verarbeiten, ohne sich bewertet zu fühlen.
Carney betont, dass selbst leichte Genres wie Kriminalromane bei Angstzuständen mentale Ordnung schaffen – dank ihrer strukturierten Handlungen und vorhersehbaren Auflösungen.
Quelle: Infobae