Schon lange ist bekannt, dass die Menschen im neolithischen Skandinavien eine ausgeprägte Seefahrtskultur hatten. Doch welche Art von Booten sie verwendeten, war bisher umstritten. Nun glauben Archäologen, eine Antwort gefunden zu haben: Diese frühen Seefahrer bauten vermutlich Boote mit einem Rahmen aus Holz und einer Hautbespannung – ähnlich den Umiaks der Inuit.
Lange vor den berühmten Wikingern, die etwa um 800 n. Chr. aufkamen, lebten in Südskandinavien Menschen der sogenannten Trichterbecherkultur (Pitted Ware Culture, PWC). Diese jagenden und sammelnden Gesellschaften existierten zwischen ca. 3500 v. Chr. und 2300 v. Chr. und waren offenbar geschickte Seefahrer. Da jedoch nur wenige intakte Boote aus dieser Zeit gefunden wurden, war es bisher schwierig, ihre Schiffsbautradition genau zu bestimmen.
Indizien sprechen für Hautboote
In einer aktuellen Studie, die im Journal of Maritime Archaeology veröffentlicht wurde, präsentieren Mikael Fauvelle von der Universität Lund in Schweden und seine Kollegen mehrere Beweisstücke. Einzelbetrachtet sind diese nicht eindeutig, doch zusammengenommen ergeben sie ein starkes Argument für die Nutzung von Hautbooten durch die PWC.
Dazu gehören Bootsfunde in Schweden mit runden Böden und Löchern, die für das Verzurren von Tierhäuten genutzt worden sein könnten. Ob diese Boote tatsächlich von der PWC stammten, ist jedoch unklar.
Ein weiteres Indiz liefern skandinavische Felsritzungen aus Gebieten, die entweder von der PWC bewohnt wurden oder sich in direkter Nachbarschaft befanden. Neben Darstellungen von Walen, Robben und Fischen gibt es dort auch Abbildungen von Booten mit kleinen Strichfiguren. Auffällig ist, dass viele der Figuren in stehender Haltung dargestellt sind – eine Position, die eher zu Hautbooten als zu Einbäumen passt, da letztere in der Regel im Sitzen gefahren wurden. Einige der Bootszeichnungen zeigen Bugverzierungen in Form eines Elchkopfes. Dies könnte als Harpunenauflage gedient haben, ähnlich den Konstruktionen, die bei Inuit-Umiaks zu finden sind.
Robbenöl als wasserdichtes Material

Ein weiteres Argument für die Nutzung von Hautbooten ist der hohe Fundanteil von Robbenöl an PWC-Stätten. Dieses Öl wäre perfekt geeignet gewesen, um Hautboote wasserfest zu machen. Auch die Überreste zahlreicher Robben und atlantischer Dorsche an diesen Orten deuten darauf hin, dass die PWC oft weit hinaus auf das offene Meer fuhren – etwas, das mit Einbäumen wesentlich schwieriger gewesen wäre.
Das heißt jedoch nicht, dass die PWC keine Einbäume nutzten. Spätere Funde deuten darauf hin, dass sie schließlich auch diese Bootsart annahmen, vermutlich für kürzere Strecken in Ufernähe. Doch für weite Fahrten auf dem offenen Meer wären Hautboote wesentlich besser geeignet gewesen.
„Verglichen mit Einbäumen argumentieren wir in der Studie, dass Hautboote sich besser für lange Distanzen und die Fahrt auf offenem Meer eigneten“, erklärte Fauvelle gegenüber Phys.org.
Die Vorläufer der Wikinger?
Da die PWC keine schriftlichen Aufzeichnungen hinterlassen haben, wird es wohl nie möglich sein, mit absoluter Sicherheit zu beweisen, dass sie Hautboote benutzten. Trotzdem glaubt Fauvelle, dass diese Art von Booten eine entscheidende Rolle dabei gespielt haben könnte, den Handel auszuweiten – und den Skandinaviern eine erste Vorliebe für das Räubern zu geben.
Mit anderen Worten: Die PWC waren vielleicht die wahren Trendsetter ihrer Zeit und plünderten bereits europäische Küsten, lange bevor die Wikinger es populär machten.