Die südkoreanische Staatsanwaltschaft beschuldigt einen Personenschützer von Präsident Yoon Suk-yeol, am 3. Dezember 2024 verdächtige Fragen an ChatGPT gestellt zu haben – darunter „Kriegsrecht“, „Ausrufung des Kriegsrechts“ und sogar „Auflösung der Nationalversammlung“. Brisant: Laut Gerichtsunterlagen tippte Lee Kwang-woo, der Chef der Leibwache innerhalb des Präsidialen Sicherheitsdienstes (PSS), diese Begriffe nur zwei Stunden vor dem offiziellen Ausnahmezustand ein – ein Indiz dafür, dass er bereits von den Plänen seines Chefs wusste.
Was sich wie ein dystopischer Thriller anhört, ist Realität: Der PSS, Südkoreas Version des Secret Service, steht seit Monaten im Zentrum einer Verfassungskrise, nachdem Präsident Yoon im Dezember einen Mini-Staatsstreich versuchte. Der Putsch dauerte zwar nur etwa sechs Stunden, doch die politischen Nachbeben halten bis heute an. Yoon wurde inzwischen des Amtes enthoben, verhaftet, wieder freigelassen – und wartet nun auf das Urteil des Verfassungsgerichts.
Blockade mit Bussen und MPs
Nach Yoons überraschender Ausrufung des Kriegsrechts verschanzte er sich in einem Regierungskomplex im Zentrum Seouls. Der PSS errichtete eine Art Belagerungsring aus 200 Sicherheitskräften und zehn Bussen – und ließ die Staatsanwaltschaft nicht durch. Die Szene wirkte wie aus einem Film: bewaffnete Elitekräfte blockieren die Verhaftung ihres eigenen Präsidenten.
Lee Kwang-woo spielte dabei eine zentrale Rolle. Neben seiner offenbar regen Nutzung von ChatGPT ist er auch Leiter der Bodyguard-Einheit des PSS. Als die Staatsanwaltschaft im Januar ein zweites Mal versuchte, Yoon festzunehmen, schlug Lee sogar vor, sich mit Waffengewalt zu wehren. Laut einem Bericht der South China Morning Post wies er seine Leute an, sich mit MP7-Maschinenpistolen zu bewaffnen. Sein angeblicher Befehl: „Wenn das zweite Tor fällt, stürmt raus – mit den MPs.“ Zum Glück blieb es bei der Drohung: Die Staatsanwälte kamen durch, der Haftbefehl wurde vollstreckt, und Yoon kam in Gewahrsam.
ChatGPT als Zeuge?
Im Rahmen der Ermittlungen rund um Yoons Amtsenthebung geriet auch Lee ins Visier. Ihm wird unter anderem Justizbehinderung vorgeworfen, da er nicht nur den Präsidenten beschützte, sondern womöglich auch digitale Beweismittel verschwinden ließ. Und genau dort wurde’s kurios: In den gesicherten Daten stießen die Ermittler angeblich auf eine ChatGPT-Sitzung am Abend des 3. Dezember – mit den oben genannten Suchbegriffen.
Die südkoreanische Zeitung The Hankyoreh berichtet, Lee habe die Fragen gegen 20:30 Uhr gestellt – exakt zwei Stunden vor Yoons öffentlicher Bekanntgabe des Ausnahmezustands. Lees Anwalt argumentiert allerdings, dass die digitale Forensik fehlerhaft sei. Er räumte zwar ein, dass Lee ChatGPT gefragt habe, bestritt aber den Zeitpunkt: Das Ganze sei erst nach der Erklärung passiert.
Zufall oder Komplott?
Falls sich aber doch bestätigt, dass Lee bereits vor der offiziellen Erklärung nach Kriegsrecht googelte, würde das bedeuten, dass er über Yoons Vorhaben Bescheid wusste – und möglicherweise daran beteiligt war. Genau das ist nun eine der Schlüsselfragen in den laufenden Prozessen: Wer wusste wann was? Und war Lee Mitverschwörer oder einfach nur ein loyaler Beamter, der auf das Chaos seines Vorgesetzten reagieren musste?
Die Antwort könnte tatsächlich in einer KI-Konversation stecken – eine merkwürdige, aber passende Wendung in einem Fall, in dem moderne Technik, alte Machtstrukturen und politische Intrigen aufeinanderprallen.
Erste Anklagepunkte fallen
Der Fall bleibt hochbrisant, auch politisch. Immerhin wurde heute bekannt, dass einige der Anklagepunkte gegen Lee und andere Mitglieder des PSS fallen gelassen wurden – unter anderem ein Teil der Justizbehinderungs-Vorwürfe. Es bleibt abzuwarten, wie sich die weiteren Verfahren entwickeln – und ob ChatGPT am Ende wirklich als stummer Zeuge im Prozess um Südkoreas Mini-Putsch fungieren wird.