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Wissenschaft

Kröten-Trip gegen Depression? Toxin mit psychedelischer Wirkung zeigt therapeutisches Potenzial

Ein psychedelisches Gift aus der Colorado-Kröte könnte eines Tages zur Behandlung von Depressionen eingesetzt werden. Forschende haben jetzt die molekulare Struktur des Wirkstoffs entschlüsselt – und eine abgewandelte Version davon zeigt bei Mäusen erstaunliche Effekte.
Von Ed Cara Übersetzt von

Lesezeit 3 Minuten

Was wie ein bizarrer Drogentrip klingt, könnte bald ein Hoffnungsschimmer für Millionen von Menschen mit Depressionen und Angststörungen sein: In einer neuen Studie haben Wissenschaftler die Struktur eines psychedelischen Wirkstoffs entschlüsselt, der aus dem Gift der Colorado-River-Kröte (Incilius alvarius) stammt. Das Besondere daran: Eine abgewandelte Variante des Stoffes zeigte bei Mäusen antidepressive und angstlösende Effekte – offenbar ganz ohne die psychedelischen Nebenwirkungen, die solche Substanzen sonst oft mit sich bringen.

Psychedelika auf dem Vormarsch in der Medizin

Substanzen wie LSD oder Psilocybin (der Wirkstoff in sogenannten „Magic Mushrooms“) stehen seit einigen Jahren wieder im Fokus der Forschung. Immer mehr Studien testen diese Wirkstoffe auf ihre Wirksamkeit bei Depressionen, Angststörungen oder posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS).

Doch so vielversprechend die bisherigen Ergebnisse auch sind, viele grundlegende Fragen sind noch offen. Man weiß inzwischen, dass viele psychedelische Effekte durch die Aktivierung bestimmter Serotonin-Rezeptoren im Gehirn – insbesondere der sogenannten 5-HT2A-Rezeptoren – ausgelöst werden. Doch das Serotonin-System ist komplex, mit vielen verschiedenen Rezeptorarten, die noch nicht vollständig erforscht sind. Und genau da setzt die neue Studie an.

5-MeO-DMT: Das Molekül aus dem Krötengift

Das Forschungsteam der Mount Sinai School of Medicine und der Columbia University nahm sich einen weniger bekannten Wirkstoff vor: 5-MeO-DMT. Dieser wird aus dem Gift der Colorado-Kröte gewonnen (auch wenn der Begriff „Gift“ hier streng genommen irreführend ist, da es sich eher um ein Hautsekret handelt). Der Wirkstoff ist für seine starke halluzinogene und dissoziative Wirkung bekannt. Einige Nutzer berichten in Erfahrungsberichten sogar von einer plötzlichen Linderung ihrer depressiven oder ängstlichen Symptome.

Im Gegensatz zu anderen Psychedelika scheint 5-MeO-DMT jedoch nicht primär auf die 5-HT2A-Rezeptoren zu wirken, sondern auf die 5-HT1A-Rezeptoren – ein Subtyp, der ebenfalls mit Stimmung und Angstregulation in Verbindung steht.

„Die zahlreichen Berichte über tiefgreifende, einzigartige und lebensverändernde Erfahrungen mit 5-MeO-DMT – ob im rituellen Kontext oder in experimentellen klinischen Settings – haben uns neugierig gemacht“, erklärt Studienautor David Lankri, Neuropharmakologe an der Columbia University, gegenüber Gizmodo.

Molekulare Feinarbeit unter dem Kryomikroskop

Mit Hilfe moderner Analysetechniken wie der Kryo-Elektronenmikroskopie gelang es dem Team, die genaue Struktur von 5-MeO-DMT zu bestimmen. Dabei stellte sich heraus, dass die Substanz tatsächlich beide Rezeptortypen – 5-HT1A und 5-HT2A – aktiviert. Anschließend entwickelten die Forschenden modifizierte Versionen des Moleküls, um besser zu verstehen, wie genau die Interaktion mit den Rezeptoren funktioniert.

Eine dieser Varianten erwies sich als besonders wirksam bei der Aktivierung der 5-HT1A-Rezeptoren – und wurde daraufhin an Mäusen getestet, die zuvor depressive und ängstliche Verhaltensweisen entwickelt hatten. Das Ergebnis: Die modifizierte Substanz hatte eine deutlich positive Wirkung auf die Symptome, ohne die typischen psychedelischen Effekte auszulösen.

„Wir konnten zeigen, dass ein selektiver Wirkstoff – der den psychedelischen Rezeptor praktisch ‚ignoriert‘ – dennoch als potentes Mittel gegen Depressionen und Angststörungen wirken kann“, so Lankri. Die vollständigen Ergebnisse wurden in der Fachzeitschrift Nature veröffentlicht.

Medizin ohne Trip? Das wäre ein Gamechanger

Die Studie ist nur ein erster Schritt – aber ein vielversprechender. Denn viele psychedelische Medikamente stehen derzeit vor dem gleichen Dilemma: Ihre therapeutische Wirkung ist da, aber die begleitenden Halluzinationen machen sie für den breiten Einsatz schwierig. Solche Substanzen müssen in sicheren, professionell begleiteten Settings verabreicht werden – was teuer und nicht für jeden zugänglich ist.

Ein Wirkstoff wie der modifizierte 5-MeO-DMT könnte das ändern. Wenn er tatsächlich keine psychedelischen Wirkungen verursacht, ließe sich die Behandlung vielleicht sogar zu Hause durchführen, ohne die strikte Aufsicht medizinischen Personals. Und: Je mehr verschiedene Behandlungsoptionen es gibt, desto besser – denn nicht jede Therapie wirkt bei jeder Person gleich.

Die Forschenden wollen daher an dem Thema dranbleiben. In den kommenden Jahren wollen sie nicht nur weiter an 5-MeO-DMT forschen, sondern auch an verwandten Substanzen wie Ibogaine, das ebenfalls Potenzial als Mittel gegen Depressionen und Ängste gezeigt hat.

Ein Blick in die Zukunft der Psychopharmakologie

Für David Lankri ist die Arbeit mehr als reine Molekularforschung. „Es ist faszinierend, diese detaillierten Schnappschüsse des Zusammenspiels zwischen Rezeptor und Molekül zu sehen – und wie sich daraus ganz neue Medikamente entwickeln könnten“, sagt er. „Diese Erkenntnisse könnten nicht nur helfen, die nächste Generation psychedelisch inspirierter Medikamente zu entwickeln, sondern geben auch einen Einblick in die Schönheit der molekularen Welt.“

Ob uns Kröten-Gift künftig wirklich aus depressiven Phasen helfen kann? Die Forschung ist auf einem spannenden Weg – ganz ohne spirituellen Kitsch, aber mit viel wissenschaftlichem Potenzial.

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