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Wissenschaft

Krebsrisiko durch Computertomographie? Neue Studie sorgt für Aufsehen – doch Experten widersprechen

Ein kurzer Blick ins Innere des Körpers – und ein potenziell langfristiges Risiko? Computertomografien (CT-Scans) gehören längst zum medizinischen Alltag. Doch laut einer neuen Studie könnten sie ein deutlich höheres Krebsrisiko bergen, als bisher angenommen. Manche Expert:innen schlagen Alarm – andere halten die Ergebnisse für überzogen.
Von Ed Cara Übersetzt von

Lesezeit 3 Minuten

CTs als unterschätzter Risikofaktor?

Forschende der University of California in San Francisco haben in einer aktuellen Analyse geschätzt, dass über 100.000 Menschen, die 2023 einen CT-Scan erhielten, im Laufe ihres Lebens eine durch Strahlung ausgelöste Krebserkrankung entwickeln könnten. Die Studie, veröffentlicht in JAMA Internal Medicine, geht davon aus, dass CTs künftig etwa 5 % aller Krebsfälle in den USA ausmachen könnten – ein Risikoniveau, das mit Alkohol (5,4 %) oder Fettleibigkeit (7,6 %) vergleichbar wäre.

Der Vergleich ist provokant – und genau das dürfte beabsichtigt sein. Die Autor*innen fordern ein Umdenken beim Einsatz von CTs: Diese seien zwar oft lebensrettend, würden aber noch immer zu leichtfertig verordnet. Angesichts der enormen Zahl an Scans – rund 93 Millionen im Jahr 2023 – könne selbst ein geringes individuelles Risiko zu einer beachtlichen Gesamtzahl an Krebsfällen führen.

Ionisierende Strahlung – bekanntes Problem, unterschätzte Dimension?

CT-Scans arbeiten mit ionisierender Strahlung, die im Körper Zellschäden verursachen kann – und somit auch Krebs. Diese Strahlung gilt bereits seit Langem als krebserregend, doch das konkrete Risiko im medizinischen Kontext bleibt umstritten. Viele Erkenntnisse stammen aus Langzeitstudien an Überlebenden der Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki.

Jüngere Studien zeigen zudem Zusammenhänge zwischen CT-Strahlung und erhöhtem Krebsrisiko bei Kindern und jungen Erwachsenen. Das Team aus Kalifornien wollte daher das Risiko für die Gesamtbevölkerung neu bewerten – insbesondere, da CTs inzwischen in nahezu allen Altersgruppen häufiger eingesetzt werden.

Die Rechnung – und die Kritik daran

Die Forscher*innen nutzten landesweite Daten aus Krankenhäusern und Bildgebungszentren. Aus den rund 93 Millionen Scans, die sich auf etwa 61,5 Millionen Menschen verteilten, berechneten sie die zu erwartenden Strahlendosen und leiteten daraus die Anzahl zukünftiger Krebsfälle ab. Ergebnis: etwa 100.000 zusätzliche Erkrankungen – drei- bis viermal mehr als frühere Studien annahmen.

Doch nicht alle stimmen zu. Mark Supanich, Leiter der Abteilung für diagnostische Medizinphysik an der Rush University, äußert Zweifel. Die Schätzungen seien vermutlich zu hoch gegriffen, sagt er. Ein Grund: Viele CTs würden bei schwer erkrankten oder verletzten Personen durchgeführt, bei denen das Krebsrisiko ohnehin bereits erhöht sei – oder die gar keine langfristige Lebenserwartung mehr hätten.

Die Autor:innen der Studie versuchten, dem entgegenzuwirken, indem sie Scans aus dem letzten Lebensjahr aus der Analyse ausschlossen. In einer ergänzenden Berechnung entfernten sie sogar alle Scans bis zu zwei Jahre vor dem Tod. Supanich hält auch das für zu kurz gegriffen: Andere Studien hätten einen Zeitraum von bis zu fünf Jahren gewählt, um das Risiko realistisch zu erfassen.

Wie gefährlich ist „niedrige Dosis“ wirklich?

Ein weiteres Problem: Die genauen Auswirkungen von niedriger Strahlung – wie bei CT-Scans üblich – auf das Krebsrisiko sind wissenschaftlich noch nicht abschließend geklärt. Supanich rät daher zur Vorsicht im Umgang mit dramatischen Aussagen: „Solche Vergleiche mit Alkohol oder Übergewicht sind meiner Meinung nach unangebracht und könnten mehr Schaden als Nutzen verursachen.“

Er warnt davor, CTs generell als Risikoquelle zu brandmarken. Im Gegenteil: In vielen Fällen seien sie unverzichtbar – etwa zur Früherkennung von Tumoren, bei inneren Verletzungen oder zur OP-Planung. Die theoretischen Risiken stünden in keinem Verhältnis zu den realen medizinischen Vorteilen.

Was jetzt passieren sollte

Die Studienautor:innen fordern dennoch konkrete Reformen. CTs sollten gezielter eingesetzt werden – also nicht bei jeder Kleinigkeit. Außerdem ließe sich die Strahlendosis oft senken, ohne die Bildqualität zu beeinträchtigen. Auf diesem Gebiet gibt es laut Supanich bereits Fortschritte: Ein Bericht des National Council on Radiation Protection aus dem Jahr 2019 zeigt, dass die durchschnittliche medizinische Strahlenbelastung pro Untersuchung in den letzten zehn Jahren um 20 % gesunken ist.

Trotz aller Kritik hat die neue Studie wohl einen Nerv getroffen – sie rückt ein lange unterschätztes Risiko ins Rampenlicht und zwingt Ärzt:innen, Patient:innen und Gesundheitspolitik zum Nachdenken.

Keine Panik – aber bewusst entscheiden

Wer sich nun Sorgen um den anstehenden CT-Termin macht, kann beruhigt sein: Für einzelne Personen ist das Risiko äußerst gering. Das betont auch Supanich: „Die theoretischen Gefahren für Einzelne sind winzig im Vergleich zu den realen Krebsraten – und den konkreten Vorteilen eines CTs.“

Dennoch: Die Diskussion ist wichtig. CTs sind ein mächtiges medizinisches Werkzeug – aber kein Selbstläufer. Wer sich gemeinsam mit der Ärztin oder dem Arzt über Nutzen und Risiko verständigt, trifft meist die richtige Entscheidung. Und genau darum geht es: um informierte, individuelle Entscheidungen – nicht um pauschale Panik.

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