Zum Inhalt springen
Wissenschaft

Könnte eine Schweineleber Menschenleben retten? Der umstrittene Fortschritt, der die medizinische Wissenschaft herausfordert

Chinesische Wissenschaftler haben einen unerwarteten Schritt gewagt: Sie transplantierten eine genetisch veränderte Schweineleber in einen hirntoten Menschen. Könnte diese Technik zu einer realen Lösung für den Mangel an Spenderorganen werden? Was sie entdeckt haben, verspricht, die Regeln der modernen Medizin neu zu schreiben.
Von Martín Nicolás Parolari Übersetzt von

Lesezeit 2 Minuten

Organtransplantationen erleben eine stille Revolution. Was einst wie Science-Fiction klang, nimmt nun in Operationssälen Gestalt an: Tierorgane – insbesondere von Schweinen – werden genetisch für den menschlichen Körper angepasst. Ein aktuelles Experiment in China hat eine Welle von Fragen ausgelöst. Kann eine Schweineleber eine menschliche ersetzen? Was sagt die Wissenschaft dazu?

Das Experiment, das die Debatte über tierische Organe neu entfacht hat

Im März 2024 führten Chirurgen des Xijing-Krankenhauses in China einen medizinischen Eingriff durch, der weltweit Aufmerksamkeit erregte: Sie setzten eine genetisch modifizierte Schweineleber in den Körper eines hirntoten Patienten ein. Obwohl die menschliche Leber nicht entfernt wurde, wurde das Schweineorgan eingeführt, um zu testen, ob es im menschlichen Körper funktionieren kann.

Überraschend war, dass die Schweineleber nicht nur zehn Tage lang einen stabilen Blutfluss aufrechterhielt, sondern auch keine Anzeichen einer Abstoßung zeigte. Mehr noch: Sie begann mit der Produktion von Galle und Albumin – zwei Schlüsselfunktionen der Leber.

Dieser Eingriff ist Teil des wachsenden Feldes der Xenotransplantation, das die Nutzung von Tierorganen zur Bekämpfung des dramatischen Mangels an menschlichen Spenderorganen untersucht. Seit 2022 wurden bereits einige Schweineherzen und -nieren lebenden Patienten transplantiert – mit kurzfristig vielversprechenden Ergebnissen.

Einschränkungen und nächste Schritte vor Versuchen an lebenden Menschen

11
© iStock.

Trotz der positiven Signale bleiben die Forscher vorsichtig. Zum einen produzierte die Schweineleber weniger Galle und Albumin als eine funktionierende menschliche Leber. Außerdem wurde die ursprüngliche menschliche Leber nicht entfernt – es lässt sich also nicht genau sagen, welchen Anteil das Schweineorgan tatsächlich übernommen hat.

Ein weiterer zentraler Punkt ist, dass noch unklar ist, ob die Schweineleber auch komplexere Aufgaben übernehmen kann – etwa die Verstoffwechselung von Medikamenten oder die Entgiftung des Körpers. Das Experiment wurde auf Wunsch der Familie nach zehn Tagen abgebrochen, was die Aussagekraft über die Langzeitwirkung einschränkt.

Dennoch sehen Expert:innen in diesem Fortschritt eine mögliche „Brückentherapie“ für Patient:innen auf der Warteliste: eine temporäre Unterstützung, bis ein passendes menschliches Organ verfügbar ist.

Wie nah sind wir dem Einsatz von Schweineorganen bei lebenden Patienten?


Laut dem chinesischen Ärzteteam sind bereits neue Studien mit hirntoten Patient:innen in Vorbereitung – diesmal soll die menschliche Leber entfernt werden, um die Leistung des Schweineorgans ohne Beeinflussung zu beurteilen. Die Ergebnisse sollen bald veröffentlicht werden und könnten einen Wendepunkt im Bereich der Transplantationsmedizin markieren.

Parallel dazu arbeiten weltweit Forschungsteams daran, solche Organe mittels Gentechnik weiter zu optimieren. Ziel ist es, Abstoßungsreaktionen zu minimieren und die Funktionalität zu verbessern. Für manche bedeutet das ein Ende der langen Wartelisten – für andere bleiben noch viele Fragen offen.

Fachleute sind sich einig, dass noch viel Forschung nötig ist, bevor diese Technik bei lebenden Menschen eingesetzt werden kann. Doch jedes neue Experiment bringt uns der Möglichkeit näher, Schweineorgane nicht nur als provokante Laboridee, sondern als echte Lösung zu betrachten.

Diese Geschichte teilen

Verwandte Artikel