Das Erfassen von Gedanken und Erinnerungen bei Tieren ist alles andere als einfach. Schließlich können sie uns nicht einfach erzählen, was in ihrem Kopf vorgeht. Dazu kommt, dass wir Menschen gerne zu viel in das Verhalten unserer Haustiere hineininterpretieren – ein Klassiker ist der berühmte Fall von „Clever Hans“, einem Pferd aus dem frühen 20. Jahrhundert, das scheinbar rechnen konnte. Später stellte sich heraus: Hans reagierte lediglich auf unbewusste Zeichen seines Besitzers.
Wissenschaftler versuchen seither, genau solche Effekte auszuschließen. Doch trotz aller Vorsicht zeigt sich immer deutlicher: Hunde (und andere Tiere) verfügen über erstaunliche kognitive Fähigkeiten – auch im Hinblick auf ihr Gedächtnis.
Zwei Arten von Erinnerung
Man muss dabei zwischen verschiedenen Formen von Gedächtnis unterscheiden. Das sogenannte semantische Gedächtnis ist für Fakten und allgemeines Wissen zuständig – also Dinge wie „Sitz“ oder „Bleib“. Die meisten Säugetiere, Hunde eingeschlossen, besitzen dieses Erinnerungsvermögen.
Spannender ist jedoch das episodische Gedächtnis – das Erinnern an persönliche Erlebnisse, wie wir sie als Menschen täglich abrufen. Diese Art von Erinnerung erlaubt uns, einzelne Momente wieder „abzuspielen“, etwa den letzten Spaziergang im Park oder den Tag am Strand. Lange Zeit ging man davon aus, dass Tiere dazu nicht in der Lage sind. Doch neue Studien lassen Zweifel an dieser Annahme aufkommen.
Wie Hunde denken – und sich erinnern
Der Neurowissenschaftler Gregory Berns von der Emory University beschäftigt sich seit Jahren mit der Frage, wie Hunde denken. Seiner Meinung nach verfügen Hunde über die nötigen Hirnstrukturen für eine Form des episodischen Gedächtnisses – vor allem über den sogenannten Hippocampus, der wie eine Art „Index“ für Erinnerungen funktioniert.
„Unsere Erinnerungen sind überall im Gehirn verteilt. Der Hippocampus ruft sie quasi ab und spielt sie wieder ab“, erklärt Berns im Interview mit Gizmodo. Und da alle bisher untersuchten Säugetiere über einen solchen Hippocampus verfügen, spricht einiges dafür, dass auch Hunde auf diese Weise Erinnerungen verarbeiten können.
Hunde erinnern sich – auch ohne Training
In einer Studie aus dem Jahr 2016 testete ein ungarisches Forschungsteam, ob Hunde sich an menschliche Handlungen erinnern können. Die Vierbeiner beobachteten ihre Besitzer bei einer Handlung, beispielsweise beim Tippen auf einen Regenschirm, und sollten diese später auf das Kommando „Mach’s nach!“ wiederholen – teilweise völlig unerwartet und ohne vorherige Übung.
Das Ergebnis: Die Hunde waren in der Lage, die Handlung nachzuahmen, obwohl sie gar nicht speziell darauf trainiert wurden. Das spricht klar für eine Form von episodischem Gedächtnis – zumindest in abgeschwächter Form.
Eine weitere Studie derselben Forschergruppe aus dem Jahr 2020 ging noch einen Schritt weiter: Diesmal sollten die Hunde nicht fremde, sondern ihre eigenen spontanen Handlungen auf Befehl wiederholen. Und auch das gelang – was auf ein erstaunlich komplexes Selbstbild und Erinnerungsvermögen hindeutet.
Grenzen der Forschung – aber klare Tendenzen
Natürlich sind solche Studien oft auf kleine Gruppen beschränkt. Und da Hunde uns nun mal nichts erzählen können, bleiben viele Details im Dunkeln. Doch die gesammelten Erkenntnisse sprechen dafür, dass das Gedächtnis von Hunden viel mehr mit dem menschlichen Gedächtnis gemeinsam hat, als bisher angenommen.
Ratten, die im Schlaf vergangene Labyrinthe „noch einmal durchlaufen“, sind mittlerweile wissenschaftlich gut dokumentiert. Und wie Berns meint: „Wenn das bei Ratten möglich ist, ist es bei Hunden mit Sicherheit auch so.“
Erinnerungen, die unter die Haut gehen
Neben der Wissenschaft gibt es natürlich auch zahllose emotionale Geschichten, die das Langzeitgedächtnis von Hunden belegen – etwa die Geschichte von Hachiko, dem legendären Akita aus Japan.
Hachiko wartete nach dem Tod seines Besitzers Hidesaburo Ueno im Jahr 1925 weiterhin jeden Tag zur gewohnten Uhrzeit am Bahnhof Shibuya auf ihn – ganze neun Jahre lang, bis zu seinem eigenen Tod. Seine Treue wurde zur Legende und macht ihn bis heute zu einem Nationalhelden in Japan.
Klar, Hunde erinnern sich nicht exakt wie Menschen – ihre Gedächtnisspanne ist oft kürzer, und komplexe Abläufe sind schwer vergleichbar. Aber die Bindungen, die wir mit unseren Hunden aufbauen, sind alles andere als flüchtig. Die Wissenschaft liefert inzwischen starke Hinweise darauf, dass unsere Fellfreunde nicht nur lernen, sondern sich auch erinnern können – an uns, an gemeinsame Erlebnisse, an all die kleinen Momente, die unser Leben mit ihnen so besonders machen.