Forscher der Bodleian Libraries der Universität Oxford und der Vesuvius Challenge haben eine weitere Schriftrolle entschlüsselt, die durch den Ausbruch des Vesuvs im Jahr 79 n. Chr. verkohlt wurde.
Die Schriftrolle mit der Bezeichnung PHerc. 172 gehört zu fast 2.000 verkohlten Rollen und verbrannten Papyrusfragmenten, die 1750 in der untergegangenen römischen Stadt Herculaneum entdeckt wurden. Sie ist eine von drei Rollen, die heute in der Bodleian Library aufbewahrt werden. Ferdinand IV. von Neapel und Sizilien schenkte sie Oxford Anfang des 19. Jahrhunderts.
Wie andere Dokumente, die im Rahmen der Vesuvius Challenge übersetzt wurden – ein Wettbewerb, der Geldpreise für die Entzifferung der Schriftrollen vergibt – wurde auch diese Rolle mit Hilfe künstlicher Intelligenz lesbar gemacht. Spezielle Algorithmen ermöglichen es, den Text zu entschlüsseln, ohne die Rollen mühsam und oft gefährlich zu entrollen.
Archäologische Sensation dank KI
Als der Vesuv ausbrach, begrub er die Küstenstädte Pompeji und Herculaneum unter Asche und vulkanischen Ablagerungen. Der Ausbruch kam für die Menschen völlig überraschend, und wer nicht fliehen konnte, erlitt ein tragisches Schicksal. Jahrhunderte später wurde das Gebiet zu einer archäologischen Fundgrube, als die versunkenen Städte nach etwa 1.700 Jahren wiederentdeckt wurden.
Die Papyrusrollen aus der Villa des Schwiegervaters von Julius Caesar wurden durch den pyroklastischen Strom des Ausbruchs verkohlt. Doch die Rückstände der Tinte auf den eng gewickelten Dokumenten blieben chemisch unterscheidbar vom restlichen Papyrus, selbst in ihrem verkohlten Zustand. Heute können diese Zeichen mit modernster Software sichtbar gemacht werden.
Forscher der Universität Kentucky haben eine Methode des „digitalen Entrollens“ entwickelt. Sie nutzen Röntgentomographie und Computer-Vision, um 3D-Modelle der fragilen Dokumente zu erstellen und sie dann digital zu entfalten. Ein neuronales Netzwerk identifiziert dabei Muster in den Scandaten, die auf das Vorhandensein von Tinte hinweisen.

Junge Talente treiben die Forschung voran
Die Vesuvius Challenge erregte kürzlich besondere Aufmerksamkeit, als Luke Farritor, ein 23-jähriger Entwickler, der mittlerweile mit Elon Musks Team an sensiblen Daten für die US-Regierung arbeitet, das erste Wort aus einer unöffneten verkohlten Schriftrolle entzifferte. Die Musk Foundation unterstützt das Projekt und hat über 2 Millionen US-Dollar gespendet.
Farritor gewann im Oktober 2023 40.000 US-Dollar für seine individuelle Leistung und war Teil eines dreiköpfigen Teams, das den Hauptpreis 2023 in Höhe von 700.000 US-Dollar erhielt.
Im Juli 2024 wurde die Schriftrolle von der britischen Forschungseinrichtung Diamond Light Source gescannt. In den darauffolgenden sechs Monaten wurden die Inhalte digital zusammengesetzt. Bisher konnten rund 26 Zeilen jeder Textspalte entziffert werden. Eines der ersten übersetzten Wörter war das altgriechische „διατροπή“ (diatropē), was so viel wie „Ekel“ bedeutet. Es taucht gleich zweimal in den ersten Spalten des Textes auf.
Ein Durchbruch für Geschichte und Technologie
„Es ist ein unglaublicher Moment in der Geschichte, in dem Bibliothekare, Informatiker und Experten der Antike zusammenarbeiten, um das Unsichtbare sichtbar zu machen“, sagte Richard Ovenden, Direktor der Universitätsbibliotheken, in einer Mitteilung der Bodleian Library. „Die erstaunlichen Fortschritte in der Bildgebung und KI ermöglichen es uns, in Schriftrollen hineinzusehen, die fast 2.000 Jahre lang niemand lesen konnte. Dieses Projekt zeigt perfekt, wie Bibliotheken, Geisteswissenschaften und Informatik gemeinsam dazu beitragen, unser gemeinsames Erbe besser zu verstehen.“
Der innere Kern des Papyrus – seine tiefsten Inhalte – wurde noch nicht entziffert. Die Forscher hoffen, dass sich in diesem Abschnitt vielleicht der Titel des Werkes verbirgt.
Mit fortschreitender Technologie könnte das digitale Entrollen weiterer antiker Dokumente neue Einblicke in das Denken und die Kultur der römischen Antike liefern – und damit die Geschichtsbücher neu schreiben.