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Wissenschaft

Kein Bock aufs Büro-Klo? Warum uns öffentliche Toiletten nervös machen

"Es ist okay, im Büro aufs Klo zu gehen" – mit dieser ungewöhnlichen Botschaft sorgt derzeit eine Gesundheitskampagne aus Australien für Aufsehen. Ihr Ziel: Schluss mit der stillen Panik vorm großen Geschäft am Arbeitsplatz.
Von Simon Robert Knowles, The Conversation Übersetzt von

Lesezeit 3 Minuten

Für die meisten ist der tägliche Gang zur Toilette einfach nur… na ja, Alltag. Doch für viele wird der vermeintlich simple Akt des „Nummer-zwei-Gehens“ zur echten Stresssituation – besonders, wenn es sich nicht um das heimische Badezimmer handelt, sondern um ein öffentliches oder das Büro-Klo.

Genau dieses Tabuthema greift eine neue Kampagne des Gesundheitsministeriums von Queensland (Australien) auf. Unter dem Slogan „It’s okay to poo at work“ – also „Es ist okay, im Büro zu kacken“ – will die Kampagne mit Humor und Aufklärung gegen ein weitverbreitetes, aber oft totgeschwiegenes Problem vorgehen.

Wenn der Darm streikt – aus Angst

Die Social-Media-Initiative ist vor allem auf Instagram und Facebook ein Hit. Fachleute aus Gesundheit und Marketing feiern sie für ihren lockeren Ton und die direkte Ansprache. Bunte Posts erklären, warum es ungesund ist, den Toilettengang zu unterdrücken – das kann auf Dauer zu Hämorrhoiden oder anderen Verdauungsproblemen führen. Und wer sich extrem unwohl fühlt, auf öffentlichen Toiletten sein Geschäft zu verrichten, leidet womöglich an Parcopresis.

Was ist Parcopresis eigentlich?

Parcopresis – auch bekannt als shy bowel oder „schüchterner Darm“ – beschreibt eine Angststörung, bei der Betroffene Schwierigkeiten haben, in Anwesenheit anderer Menschen zu defäkieren. Ob in Einkaufszentren, Restaurants, der Schule oder im Büro – der Gedanke, dass jemand mithören, -riechen oder gar urteilen könnte, löst bei ihnen heftigen Stress aus. Manche können nicht mal zu Hause aufs Klo, wenn Besuch da ist.

Häufig hängt das auch mit bestehenden Magen-Darm-Erkrankungen zusammen, die zu häufigeren Toilettengängen führen – inklusive der Angst, deshalb schräg angeschaut zu werden. Auch negative Erfahrungen oder schlicht der schlechte Zugang zu stillen Örtchen können Auslöser sein.

Die körperlichen Symptome reichen von Herzrasen und Schweißausbrüchen bis zu Zittern, Übelkeit oder Muskelanspannung. Der Gedanke, irgendwo in der Öffentlichkeit mal „müssen“ zu müssen, wird zur dauerhaften Belastung.

Auswirkungen auf den Alltag

Die Folgen können gravierend sein: Parcopresis beeinflusst nicht nur das Wohlbefinden, sondern auch Beziehungen, die Freizeitgestaltung oder den Job. Einige vermeiden es sogar zu reisen oder an Veranstaltungen teilzunehmen – aus Angst, keine passende Toilette zu finden oder sie nicht nutzen zu können.

Wie viele Menschen betrifft das?

So ganz genau weiß man es nicht. Es ist schließlich schwierig, das Verhalten rund um den Toilettengang zu untersuchen – wer will schon beim Klogang beobachtet werden?

Ein Versuch, dem Ganzen wissenschaftlich näherzukommen, stammt von Simon Robert Knowles, Psychologe an der Swinburne University of Technology. Er befragte 714 Studierende in verschiedenen fiktiven Szenarien: Sie mussten sich vorstellen, in einem Einkaufszentrum auf die Toilette zu müssen – mal waren alle Kabinen frei, mal nur die mittlere von dreien.

Das Ergebnis: Etwa 14 % gaben an, den Toilettengang zu vermeiden – besonders dann, wenn andere Kabinen besetzt waren. Bei freier Auswahl hielten sich rund 10 % zurück, bei belegten Kabinen stieg die Quote auf 25 %. Männer waren dabei generell entspannter als Frauen.

Wer den Gang zum stillen Örtchen mied, hatte klare Alternativen im Kopf: nach Hause gehen, ein barrierefreies WC nutzen oder später nochmal wiederkommen.

Büro-Toiletten: Für viele ein No-Go

Gizmodo
© Marcel Derweduwen/Shutterstock

Gerade am Arbeitsplatz ist die Hemmschwelle besonders hoch. Hier spielt nicht nur der eigene Komfort eine Rolle – auch soziale Aspekte kommen dazu. Wer möchte schon, dass Kolleg:innen oder gar Vorgesetzte hören, was im Bad passiert?

Besonders Menschen mit chronischen Darmproblemen fühlen sich oft schuldig oder schämen sich, wenn sie öfter oder länger aufs Klo müssen. Die Angst vor Bewertung oder sogar Nachteilen im Job verstärkt das Unbehagen zusätzlich.

Was hilft gegen Klo-Angst?

Ein bisschen Nervosität vorm öffentlichen Klogang ist völlig normal. Aber wenn es zum echten Problem wird, das den Alltag einschränkt, sollte man aktiv dagegen vorgehen. Hier ein paar Tipps:

  • Negative Gedanken hinterfragen: Niemand achtet so sehr auf dich, wie du denkst. Toiletten sind zum Benutzen da – Punkt.

  • Entspannungstechniken nutzen: Atemübungen oder progressive Muskelentspannung können helfen, den Körper runterzufahren.

  • Langsam rantasten: Wer sich schrittweise an unterschiedliche öffentliche Toiletten gewöhnt, baut nach und nach Vertrauen auf.

  • Ablenkung nutzen: Musik hören, ein Video schauen oder sich auf den Atem konzentrieren kann helfen, den Fokus vom Unbehagen zu nehmen.

Und wenn du merkst, dass dich die Angst wirklich einschränkt: Sprich mit deinem Hausarzt oder einer Psychologin. Mit Techniken wie der kognitiven Verhaltenstherapie lässt sich gut daran arbeiten.

Fazit: Auch wenn es ein Tabuthema ist – viele kämpfen mit der Angst vorm öffentlichen Klogang. Die australische Kampagne trifft deshalb einen Nerv. Und sie macht klar: Es ist völlig in Ordnung, im Büro zu müssen. Der Körper hat keine Pause – also solltest du ihm auch keine aufzwingen.

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