Alle zwei Wochen stirbt eine Sprache für immer. Doch mit ihr gehen nicht nur Wörter verloren, sondern auch Geschichten, Traditionen und einzigartige Weltansichten. Doch nun könnte die Technologie eine neue Hoffnung bieten: Virtual Reality erweist sich als leistungsstarkes Werkzeug, um bedrohte Sprachen zu erhalten – und bietet den kommenden Generationen die Möglichkeit, Kulturen auf eine völlig neue Weise zu erleben.
Kusunda VR: Eine fast ausgestorbene Sprache wird wiederbelebt

Eines der beeindruckendsten Beispiele für diese Entwicklung ist Kusunda VR – eine immersive Erfahrung, die Nutzer in die Welt des Kusunda-Volkes in Nepal versetzt. Ihre Sprache zählt heute nur noch etwa 150 Sprecher weltweit und steht kurz vor dem Aussterben.
Das Projekt, entwickelt von NowHere Media, ermöglicht es, das nomadische Leben dieser Gemeinschaft zu erkunden und gleichzeitig Schlüsselbegriffe der Kusunda-Sprache zu erlernen. Die Produktion erfolgte in Zusammenarbeit mit dem Schamanen Lil Bahadur, der seine Muttersprache fast verlor, nachdem er in die Stadt gezogen war, und seiner Enkelin Hima, die heute für die Rettung ihrer Sprache kämpft.
„Wenn die Kusunda-Sprache verschwindet, verschwindet auch unsere Existenz in Nepal. Wir verlieren unsere Identität“, betont Hima und unterstreicht die Dringlichkeit dieser Initiative.
Durch den Einsatz von Photogrammetrie und volumetrischen Aufnahmen erschafft Kusunda VR eine interaktive digitale Umgebung, in der Nutzer nicht nur beobachten, sondern auch aktiv an der Erfahrung teilnehmen können. Dies fördert ein tieferes und emotionales Lernen.
Ist Virtual Reality effektiver als Film?

Um den Einfluss von Virtual Reality auf den Spracherhalt zu untersuchen, führte das Team von StoryLab an der Anglia Ruskin University eine vergleichende Studie durch. Mit Unterstützung der British Academy analysierten sie die Reaktionen von Nutzern, die entweder Kusunda VR oder einen traditionellen Kurzfilm über dieselbe Geschichte sahen.
Die Ergebnisse waren eindeutig: Virtual Reality erzeugte eine viel stärkere emotionale Verbindung zur Sprache und Kultur. Teilnehmer berichteten, dass sie sich fühlten, als wären sie Teil der Geschichte – als würden sie sie in der ersten Person erleben.
Eine Testperson fasste es so zusammen: „Als ich heute die Virtual-Reality-Erfahrung sah, fühlte ich mich, als würde ich die Geschichten meiner Großmutter sehen. Sie waren direkt vor meinen Augen, als wären sie real.“
Revive: Ein VR-Projekt zur Rettung europäischer Sprachen

Nach dem Erfolg von Kusunda VR hat StoryLab das ambitionierte Projekt Revive gestartet – finanziert mit 3 Millionen Euro von der Europäischen Union. Ziel ist es, Virtual Reality gezielt für die Wiederbelebung gefährdeter Sprachen in Europa einzusetzen, darunter:
🔹 Griko, gesprochen in einigen Regionen Süditaliens.
🔹 Kornisch, eine keltische Sprache aus Cornwall, Großbritannien.
Durch immersive Erlebnisse in Museen, Schulen und Kulturzentren sollen diese Sprachen nicht nur erlernt, sondern auch das Bewusstsein für ihren kulturellen Reichtum gestärkt werden.
Virtual Reality als Verbündete im Kampf gegen das Sprachensterben
Das Verschwinden einer Sprache betrifft nicht nur ihre Sprecher, sondern die gesamte Menschheit. Jede verlorene Sprache bedeutet den unwiederbringlichen Verlust einer einzigartigen Weltsicht.
Doch Virtual Reality bietet einen völlig neuen Ansatz, um gegen dieses Sterben anzukämpfen. Sie ermöglicht es Menschen, Sprachen nicht nur zu hören und zu lernen, sondern sie zu erleben. Was einst als unausweichlich galt, könnte nun eine Lösung haben.
Die entscheidende Frage ist: Sind wir bereit, diese Technologie zu nutzen, bevor es zu spät ist?