Die wohl spektakulärste Wissenschaftsmeldung des Jahres kam von Colossal Biosciences: Das US-Unternehmen behauptet, eine Version des längst ausgestorbenen Schreckenswolfs (Aenocyon dirus) wieder zum Leben erweckt zu haben. Die drei „neuen“ Wölfe – Romulus, Remus und Khaleesi – sollen laut Colossal die ersten echten Beispiele für „De-Extinction“ sein. Doch viele Fachleute halten die Euphorie für übertrieben.
Was hat Colossal eigentlich gemacht?
Colossal hat Zellen von Grauwölfen genetisch verändert, sodass sie bestimmten Merkmalen des ausgestorbenen Schreckenswolfs ähneln. Mithilfe von 20 gezielten Genveränderungen wurden Embryonen erschaffen, die anschließend in Hündinnen eingesetzt wurden. Die Resultate: Tiere mit hellerem Fell, größerem Körperbau – und angeblich deutlichen Ähnlichkeiten zum echten Schreckenswolf, der vor etwa 12.000 Jahren ausstarb.
Das Unternehmen spricht von „funktionaler De-Extinction“, also einer teilweisen Wiederherstellung ausgestorbener Arten – zumindest in äußerlicher Erscheinung. Doch genau hier scheiden sich die Geister.
Fachleute bleiben skeptisch
Anders Bergström, Biologe und Experte für Caniden-Evolution, hält die Behauptung für übertrieben:
„Was Colossal geschafft hat, ist beeindruckend – aber es sind und bleiben genetisch veränderte Grauwölfe. Mit echten Schreckenswölfen haben sie wenig zu tun.“
Er erklärt, dass zwischen dem Genom von Grauwölfen und Schreckenswölfen rund zehn Millionen Unterschiede bestehen – Colossal habe jedoch nur 20 davon verändert. Diese betreffen vor allem sichtbare Merkmale wie Fellfarbe und Körpergröße. Für eine realistische Rekonstruktion wären seiner Einschätzung nach zehntausende bis hunderttausende Änderungen nötig.
Auch in Verhalten, Stoffwechsel oder Immunsystem seien keine Anpassungen erfolgt – schlichtweg, weil man derzeit nicht wisse, wie. Die hellen Fellfarben der Tiere seien wohl eher Showeffekt als wissenschaftlich fundiert.
Phil Seddon, Zoologe und Artenschutzforscher aus Neuseeland, sieht das ähnlich:
„Die Tiere sehen ein bisschen wie Schreckenswölfe aus, sind aber genetisch weit davon entfernt. Im Grunde sind es modifizierte Grauwölfe mit ein paar speziellen Merkmalen.“
Er betont, dass die wirkliche Leistung in der entwickelten Technologie liege: Gene gezielt identifizieren, verändern und wieder in lebende Tiere einbauen. Das könne in Zukunft helfen, genetische Vielfalt zu bewahren und vom Aussterben bedrohte Arten zu retten – etwa durch Rückgewinnung verlorener Eigenschaften.
Tatsächlich hat Colossal parallel zur Schreckenswolf-Meldung verkündet, vier rote Wölfe geklont zu haben – eine hochbedrohte Art in Nordamerika.
Bradley Shaffer, Evolutionsbiologe an der UCLA, ordnet das Ganze differenziert ein:
„Hat Colossal den Schreckenswolf rekonstruiert? Eher nicht. Aber sie haben es geschafft, bestimmte Merkmale zu reaktivieren – und das ist technisch extrem anspruchsvoll.“
Er sieht in dem Projekt einen wichtigen Fortschritt in der Gentechnik, besonders was die Anzahl gleichzeitig vorgenommener Genänderungen betrifft. Für ihn ist das Ganze kein Fall von „Wiedererweckung“, sondern ein Durchbruch in Sachen Gen-Editing.
Gleichzeitig warnt er vor zu viel Hype: Die ersten wissenschaftlichen Veröffentlichungen stehen noch aus, viele Details sind unklar. Die öffentliche Diskussion laufe derzeit der Wissenschaft davon.
Colossal verteidigt sich – und denkt größer
Beth Shapiro, Chefwissenschaftlerin bei Colossal und selbst Evolutionsbiologin, kontert die Kritik:
„Diese Tiere sind keine Kopien, sondern tragen viele der entscheidenden genetischen Merkmale des Schreckenswolfs. Es geht nicht um Jurassic Park – sondern darum, verlorene Funktionen in Ökosystemen zurückzubringen.“
Für sie bedeutet De-Extinction nicht, perfekte Klone zu erschaffen, sondern funktionelle Merkmale wiederzubeleben – und daraus neue Wege im Artenschutz zu entwickeln. Sie spricht von „Hoffnung“, nicht nur für die Wissenschaft, sondern auch für den Naturschutz.
Fazit: Hype, Hoffnung – und harte Realität
Hat Colossal den Schreckenswolf wirklich zurückgebracht? Biologisch wohl kaum – dafür fehlen zu viele genetische Puzzleteile. Doch die Technologie, die dabei zum Einsatz kam, könnte einen entscheidenden Einfluss auf den künftigen Naturschutz haben.
Ob das Projekt tatsächlich den Weg zu einer neuen Ära der „De-Extinction“ ebnet oder eher ein mediales Spektakel bleibt, wird sich zeigen – spätestens, wenn die Fachliteratur das Vorhaben auf Herz und Nieren prüft. Bis dahin bleibt es ein spannender Mix aus Wissenschaft, Vision und Marketing.