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Tech

Hirn-Chips made in China: Pekings Antwort auf Elon Musks Neuralink

Elon Musk redet gern über seine Visionen – besonders, wenn’s um futuristische Ideen wie Gehirn-Computer-Schnittstellen geht. Doch während Neuralink zuletzt mit dem ersten erfolgreich gechipten Patienten für Schlagzeilen sorgte, zieht China still und leise vorbei – mit Tempo und staatlichem Rückenwind.
Von Thomas Maxwell Übersetzt von

Lesezeit 3 Minuten

China holt auf – und überholt?

Laut Reuters hat ein chinesisches Tech-Unternehmen bereits drei Patienten mit Hirnchips versorgt. Bis Ende 2025 sollen es zehn weitere sein. Klingt vertraut? Genau: Neuralink steht aktuell ebenfalls bei drei Implantationen. Der große Vorsprung, den viele Musk zutrauten, scheint also gar nicht zu existieren.

Das chinesische Projekt ist eine Kooperation zwischen dem Chinese Institute for Brain Research (CIBR) und dem Unternehmen NeuCyber NeuroTech. Ihr Hirnchip namens Beinao Nr. 1 ist halb-invasiv – also weniger risikobehaftet als Musks Variante – und wurde bereits erfolgreich bei Patientinnen getestet. In einem Video von 2024 ist zu sehen, wie gelähmte Personen mithilfe ihrer Gedanken einen Roboterarm steuern, um ein Glas Wasser einzuschenken. Bis 2026 sollen rund 50 Patientinnen an klinischen Studien teilnehmen.

Was können diese Chips eigentlich?

Die Technologie hinter Brain-Computer-Interfaces (BCIs) ist nicht neu – erste ernstzunehmende Forschungsprojekte starteten schon in den frühen 2010er-Jahren. Ziel ist es, Hirnaktivitäten in digitale Signale zu übersetzen. Gerade für Menschen mit Lähmungen oder neurologischen Erkrankungen bieten BCIs riesiges Potenzial: Ein Gedanke kann genügen, um einen Cursor zu bewegen oder ein Gerät zu steuern.

Neuralink geht allerdings einen Schritt weiter – buchstäblich unter die Schädeldecke. Musks Chip wird direkt ins Gehirn implantiert, um besonders präzise Signale zu erfassen. Der erste Mensch mit solch einem Implantat, Noland Arbaugh, ist seit einem Unfall vom Hals abwärts gelähmt. Dank Neuralink kann er inzwischen eigenständig am Computer surfen und sogar Videospiele spielen – allein mit der Kraft seiner Gedanken.

China will mehr – und zwar schnell

Dass China die BCI-Entwicklung ernst nimmt, zeigt nicht nur der medizinische Fortschritt. Das chinesische Ministerium für Industrie und Informationstechnologie kündigte 2024 an, gezielt in Schlüsseltechnologien wie „Gehirn-Computer-Fusion“, „hirnähnliche Chips“ und „neuronale Rechenmodelle“ investieren zu wollen. Ziel: technologische Unabhängigkeit und globale Führungsansprüche – ein bekanntes Muster aus dem Elektroauto-Sektor.

Kritiker*innen befürchten allerdings auch negative Szenarien. In einem Staat mit umfassender Überwachung könnte ein Hirnchip schnell mehr Daten liefern, als einem lieb ist. Was passiert, wenn das System Gedanken als „regimekritisch“ einstuft? Sinkt dann der Social Credit Score? Es sind keine Hirngespinste – in China nicht.

Konkurrenz gibt’s auch in den USA

Aber nicht nur in Fernost wird entwickelt: In den USA mischt Synchron im Rennen mit. Das Unternehmen wird unter anderem von Jeff Bezos (Amazon) und Bill Gates (Microsoft) unterstützt und hat bereits zehn Patient*innen mit seiner Technologie versorgt. Synchron setzt auf ein weniger invasives Verfahren als Neuralink – was Sicherheitsbedenken reduziert, aber auch die Signalqualität einschränkt.

Musks größter Trumpf? Seine Hartnäckigkeit – und sein Wille, das Unmögliche doch noch möglich zu machen. Schließlich hat er es schon einmal geschafft: Tesla brachte E-Autos in den Massenmarkt, xAI mischt trotz Spätstart schon ganz oben im KI-Geschäft mit. Und auch bei Neuralink verfolgt er nicht nur medizinische, sondern visionäre Ziele: Gedächtnis-Booster, instant Sprachdownloads, digitale Superfähigkeiten – alles denkbar, wenn Hirnchip und KI perfekt zusammenspielen.

China spielt das Spiel anders – und effizient

Was China an Musk voraus hat: Systematische Förderung und Geschwindigkeit. Anfang März kündigte die staatliche Gesundheitsbehörde neue Abrechnungskategorien für BCI-Implantate im Gesundheitssystem an – ein klares Signal, dass diese Technologie bald Teil des medizinischen Alltags werden könnte. Wenn die Volksrepublik ein Ziel verfolgt, dann nicht halbherzig. Man sehe sich nur BYD an – Chinas Elektroauto-Gigant, der Tesla inzwischen global überholt hat.

Die Sorge vieler westlicher Analyst*innen: China könnte auch in anderen Schlüsselindustrien die USA überholen – und damit nicht nur Produkte, sondern auch Ideologien exportieren.

Noch viele offene Fragen

Trotz aller Fortschritte bleiben BCIs ein Experiment mit Risiken. Gerade die tief ins Gehirn implantierten Chips – wie bei Neuralink – werfen Fragen zur Langzeitverträglichkeit, Immunreaktionen und ethischen Grenzen auf. Die semi-invasiven Alternativen sind zwar sicherer, liefern aber schwächere Signale.

Die Technologie steckt also noch in den Kinderschuhen – aber sie wächst schnell. Und wer als Erstes einen tragfähigen BCI-Standard etabliert, könnte nicht nur einen medizinischen, sondern auch einen gesellschaftlichen Umbruch lostreten.

Während Musk noch von Sci-Fi träumt, macht China bereits Nägel mit Köpfen. Wer am Ende das Rennen gewinnt – die visionäre Ein-Mann-Show aus den USA oder das zentral gesteuerte Forschungssystem Chinas – ist offen. Klar ist nur: Das Zeitalter der Gedankensteuerung hat begonnen.

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