Als Bill Gates ein Manuskript von Leonardo da Vinci für über 30 Millionen Dollar erwarb, dachten viele, es würde zu einem weiteren unzugänglichen Sammlerstück. Doch der Microsoft-Gründer hatte andere Pläne. Was er mit diesem Meisterwerk der Renaissance tat, sprengte alle Erwartungen – und brachte es dem breiten Publikum näher wie nie zuvor.
Ein Vermächtnis der Renaissance in technologischen Händen

Die Szene spielte sich im November 1994 in New York ab. Gates, damals auf dem Höhepunkt seines Aufstiegs als IT-Visionär, zahlte 30,8 Millionen Dollar für den Codex Leicester – ein handschriftliches Notizbuch von Leonardo da Vinci voller wissenschaftlicher Überlegungen, die ihrer Zeit weit voraus waren. In seiner charakteristischen Spiegelschrift schrieb der italienische Universalgelehrte über Themen wie Fossilien, Astronomie oder die Bewegung des Wassers.
Das 36-seitige Notizbuch im Format 29 x 22 cm enthält Gedankengänge, die wissenschaftliche Entdeckungen vorwegnahmen, die erst Jahrhunderte später bestätigt wurden. Warum gibt es Meeresfossilien in den Bergen? Wie verhält sich Licht bei der Reflexion auf dem Mond? Da Vinci stellte sich diese Fragen mit einer Genialität, die ihrer Zeit weit voraus war.
Doch Gates sah das Manuskript nicht als Trophäe. Drei Jahre später ließ er jede Seite in hoher Auflösung digitalisieren. Der wirklich überraschende Schritt kam jedoch danach: Er machte Teile des Inhalts für die Öffentlichkeit zugänglich – über ein ganz alltägliches Medium: den Bildschirmschoner.
Vom privaten Schatz zum universellen Bildschirmhintergrund

Mit der Veröffentlichung des Softwarepakets Microsoft Plus! für Windows 95 gelangten Leonardos Zeichnungen auf Millionen von Computermonitoren weltweit. Was einst als unberührbares Museumsstück galt, wurde zu einem visuellen Erlebnis für gewöhnliche PC-Nutzer – eine beispiellose Verbindung von Kunst und Technologie. Es war mehr als Marketing: ein Tribut an das Wissen.
Das Projekt wurde in späteren Windows-Versionen fortgeführt und 1997 durch die Veröffentlichung einer vollständigen CD-ROM unter dem Label Corbis (Gates’ Unternehmen für digitale Inhalte) erweitert, mit dem schlichten Titel Leonardo da Vinci.
Obwohl der Codex Leicester bis heute das einzige Manuskript von da Vinci in Privatbesitz ist, hat Gates dessen weltweite Verbreitung aktiv gefördert. Von Florenz über Tokio bis nach Dublin oder Phoenix wurde er Hunderttausenden Besucher:innen gezeigt. Derzeit ist das Manuskript noch bis April 2026 im Museo de las Ciencias Príncipe Felipe in Valencia ausgestellt – im Rahmen der Ausstellung Leonardo da Vinci. 500 Jahre Genialität.
Ein Manuskript von Millionenwert erfüllte schließlich eine ganz andere Bestimmung: Es brachte die Gedanken eines der größten Genies der Menschheitsgeschichte näher an die Öffentlichkeit des 21. Jahrhunderts. Und das – zu einem großen Teil – dank der Vision eines anderen.