Eine neue Studie deutet darauf hin, dass der stetige Anstieg der Lebenserwartung, den die Menschheit im 20. Jahrhundert erlebt hat, ins Stocken geraten ist. Das wirft die Frage auf, ob wir unsere Lebensspanne überhaupt noch erheblich ausdehnen können.
Lange Zeit galt es als gesichert, dass die Lebenserwartung dank medizinischer Fortschritte und verbesserter Lebensbedingungen kontinuierlich ansteigt. Doch aktuelle Untersuchungen legen nahe, dass diese Entwicklung an ihre Grenzen stößt. Wissenschaftler um Stuart Jay Olshansky von der University of Illinois in Chicago haben herausgefunden, dass sich der Anstieg der Lebenserwartung in den letzten Jahrzehnten deutlich verlangsamt hat. Diese Entwicklung hatten sie bereits vor 30 Jahren prognostiziert, wurden damals aber für ihre Vorhersage kritisiert.
„Wir haben drei Jahrzehnte gewartet, um zu sehen, was wirklich passiert, und jetzt kennen wir die Antwort. Und sie ist genau so eingetreten, wie wir es vorhergesagt haben“, erklärte Olshansky gegenüber Gizmodo.
Stagnation trotz medizinischer Fortschritte
Die Forscher analysierten Sterblichkeitsdaten aus Ländern mit der höchsten Lebenserwartung, darunter Japan, Südkorea, Australien, Frankreich und Spanien. Zum Vergleich zogen sie auch die USA heran, die zwar eine relativ hohe Lebenserwartung haben, aber hinter vielen ihrer westlichen Partner zurückfallen. Der Fokus lag auf den Jahren 1990 bis 2019.
Die Ergebnisse zeigen, dass die Lebenserwartung zwar weiterhin zunimmt, jedoch mit einer deutlich geringeren Geschwindigkeit als zuvor. Besonders seit 2010 hat sich diese Verlangsamung bemerkbar gemacht. Zudem ermittelte das Team, dass selbst in den Ländern mit den höchsten Werten nur wenige der im Jahr 2019 Geborenen eine Chance haben, das Alter von 100 Jahren zu erreichen. In Japan liegt die Wahrscheinlichkeit für Frauen bei etwa 12,8 % und für Männer bei 4,4 %. In den USA sind die Zahlen noch niedriger: Nur 3,1 % der Frauen und 1,3 % der Männer werden voraussichtlich die Hundert knacken.
Diese Ergebnisse wurden in der Fachzeitschrift Nature Aging veröffentlicht.
„Natürlich gab es auch in den letzten Jahrzehnten Fortschritte bei der Lebenserwartung, aber sie haben sich erheblich verlangsamt – und das trotz der schnellen Entwicklung medizinischer Technologien“, so Olshansky. „Wenn lebensverlängernde Technologien und neue Behandlungen die erhoffte Wirkung gehabt hätten, hätte sich die Lebenserwartung weiter beschleunigt. Das Gegenteil ist jedoch der Fall, besonders in den USA.“
Olshansky ist überzeugt, dass wir langsam an die natürlichen Grenzen unserer Sterblichkeit stoßen. Der bisherige medizinische Ansatz, altersbedingte Krankheiten wie Krebs oder Herzleiden isoliert zu behandeln, stößt an seine Grenzen. Der Wissenschaftler argumentiert, dass dieser methodische Fokus nur noch minimale Verbesserungen bringen wird.
Fokus auf Lebensqualität statt Lebensverlängerung
„Das Leben, das wir heute führen, ist im Grunde genommen ‚hergestellte Zeit‘ – ein Produkt medizinischer Technologien. Diese Errungenschaften sind bemerkenswert, und wir sollten dankbar sein, dass wir ein so langes Leben haben. Aber der Preis dafür sind Krankheiten wie Herzleiden, Krebs, Schlaganfälle und Alzheimer. Wir befinden uns in einem endlosen Spiel von ‚Whack-a-Mole‘ mit altersbedingten Krankheiten“, erklärt Olshansky.
Doch es gibt auch Hoffnung. Die Forschung zu Therapien, die direkt in den Alterungsprozess eingreifen, macht Fortschritte. Manche Studien zeigen, dass bereits existierende Medikamente wie Metformin möglicherweise das Altern verlangsamen könnten. Olshansky erwartet bedeutende Entdeckungen aus dem aufstrebenden Feld der Gerowissenschaften in naher Zukunft.
Allerdings warnt er vor übertriebenen Versprechungen aus der Anti-Aging-Industrie. Viele Unternehmen locken mit angeblichen Wundermitteln und behaupten, dass ein Menschenleben bald 120 oder sogar 150 Jahre dauern könnte. Diese Behauptungen sieht er kritisch:
„Es fließt derzeit viel Geld in diesen Bereich, und es gibt durchaus seriöse Forschung. Aber es gibt auch jede Menge Übertreibung und Fehlinformationen. Wir brauchen keine utopischen Versprechen, um die Forschung zur Altersverzögerung zu rechtfertigen. Der beste Grund, daran zu arbeiten, ist schlichtweg die Alternative: Wenn wir keinen Erfolg haben, werden wir mit den negativen Folgen konfrontiert sein.“
Der Traum von der ewigen Jugend mag für immer unerreichbar bleiben. Doch zumindest können wir versuchen, die Zeit, die uns bleibt, so gesund und angenehm wie möglich zu gestalten.