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Wissenschaft

Haiangriffe auf Menschen sind nicht immer das, was sie zu sein scheinen, sagen Wissenschaftler

Haie beißen Menschen ohnehin selten. In einer neuen Studie fanden Forscher nun heraus, dass einige dieser Bisse reine Selbstverteidigung sein könnten.
Von Ed Cara Übersetzt von

Lesezeit 3 Minuten

Haibisse: Eine Frage der Selbstverteidigung?

Haie sind möglicherweise weniger verantwortlich für die seltenen Bisse auf Menschen, als bisher angenommen.
In einer heute veröffentlichten Studie argumentieren Wissenschaftler, dass zumindest einige Haibisse als Form der Selbstverteidigung betrachtet werden sollten.

Meeresbiologen aus Frankreich führten die Forschung durch, die in Frontiers in Conservation Science veröffentlicht wurde.
Nach der Analyse globaler Haibiss-Daten schätzten sie, dass etwa 5 % der Haibisse auf Menschen rein defensiv motiviert sind, nicht als Jagdversuch.

Diese Erkenntnisse könnten laut den Forschern dazu beitragen, Maßnahmen zur Vermeidung von Haibissen effektiver zu gestalten.

Beobachtungen aus Französisch-Polynesien führten zur Studie

Der leitende Forscher Eric Clua, Haiexperte an der PSL-Universität, wurde durch seine Feldbeobachtungen in Französisch-Polynesien zu diesem Thema inspiriert.
Dort hörte er oft Berichte über Fischer, die Haie, die versehentlich in Fischfallen geraten waren, systematisch töteten.
Wenn der Tötungsversuch fehlschlug, verteidigten sich die Haie manchmal mit Bissen.

Clua erfuhr auch von Zwischenfällen mit Harpunenfischern, bei denen Haie nur angriffen, um ihr erbeutetes Futter zu verteidigen.

„Bei genauerer Betrachtung ergab sich die Gelegenheit, diesen Selbstverteidigungsmechanismus zu modellieren, der auf menschliche Verantwortung hinweist“, erklärte Clua gegenüber Gizmodo per E-Mail.

Datenanalyse: Selbstverteidigung statt Angriff

Zunächst analysierten die Forscher Daten zu Haibissen in Französisch-Polynesien, die Motivationshinweise enthielten.
Zwischen 2009 und 2023 wurden dort 74 Haibisse dokumentiert.
Vier dieser Bisse, etwa 5 %, schienen auf Selbstverteidigung zurückzuführen zu sein.

Anschließend untersuchte das Team das Global Shark Attack File, das fast 7.000 Haibisse seit 1863 dokumentiert.
Sie betrachteten Bisse, die als provoziert klassifiziert wurden, also Vorfälle, bei denen Menschen in unmittelbarer Nähe zu Haien agierten.
Erneut erfüllten rund 5 % der untersuchten Bisse – insgesamt 322 Fälle – die Kriterien für Selbstverteidigung.

Wie verteidigen sich Haie?

Typische Anzeichen für einen defensiven Biss sind spontane Reaktionen auf menschliche Handlungen, die als bedrohlich empfunden werden könnten.
Die Bisse hinterlassen meist oberflächliche, nicht tödliche Wunden, können aber auch unverhältnismäßig heftig ausfallen.

Ein gestrandeter Hai könnte beispielsweise aggressiv zubeißen, wenn ein Mensch versucht, ihn ins Wasser zurückzubringen.
Laut Clua deutet diese Unverhältnismäßigkeit eher auf einen Überlebensinstinkt als auf Angriffslust hin.

„Unsere Ergebnisse zeigen, dass Haie ebenso wie jedes andere Lebewesen das Recht haben, sich zu verteidigen, wenn ihre Existenz bedroht ist“, sagte er.
„Es zeigt auch, dass es ratsam ist, einem verletzten Hai nicht zu helfen, da er menschliche Hilfe möglicherweise als Bedrohung wahrnimmt.“

Haibisse vermeiden: Empfehlungen der Forscher

Indem die Forscher die vielfältigen Ursachen von Haibissen besser verstehen, hoffen sie, solche Zwischenfälle künftig zu vermeiden.
Menschen sollten Haie niemals berühren oder ihnen zu nahe kommen, selbst wenn sie harmlos erscheinen.

Grundsätzlich sollte man immer mindestens zu zweit schwimmen, besonders in Gebieten, in denen Haie leben.
Anders als manche Landraubtiere lässt sich ein Hai durch Bewegungsunfähigkeit nicht abschrecken – im Ernstfall sollte man sich aktiv verteidigen.

Haie: Weniger gefährlich als oft angenommen

Gleichzeitig betonen die Forscher, dass Haie in der Regel Angst vor Menschen haben.
Haibisse sind daher extrem selten und enden noch seltener tödlich.

Im Jahr 2024 wurden weltweit nur 88 Haibisse und sieben Todesfälle registriert.
Im Vergleich dazu töten Flusspferde jährlich schätzungsweise mindestens 500 Menschen, und durch Moskitos übertragene Krankheiten wie Malaria fordern über eine halbe Million Todesopfer pro Jahr.

Sicherheitsmaßnahmen im Wasser sind wichtig, aber die Gefahr eines Haibisses wird oft übertrieben dargestellt.

Medienverantwortung und weitere Forschungen

„Neben der Reduzierung von Haibissen hoffen wir, dass unsere Studie auch die Berichterstattung der Medien verändert“, sagte Clua.
„Journalisten sollten genauer auf die Umstände der Bisse achten und nicht automatisch die Tiere verantwortlich machen.“

Das Forschungsteam plant, künftig auch andere Haibisse zu analysieren, etwa solche, bei denen Haie durch Erkundungsverhalten testen, ob Menschen essbare Beute darstellen.

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