Zwischen 1994 und 2010 untersuchten amerikanische und niederländische Archäologen eine bronzezeitliche Fundstätte östlich von Aleppo, Syrien. Dabei stießen sie auf ein bemerkenswert gut erhaltenes Grab. Darin: Skelette, Gold- und Silberschmuck, Kochgeschirr, eine Speerspitze und Keramik. Doch direkt neben der Keramik fanden sie etwas, das womöglich noch viel wertvoller ist – vier Tonzylinder, rund 4.400 Jahre alt, mit geheimnisvollen Einritzungen.
Nun behauptet der Johns-Hopkins-Archäologe Glenn Schwartz, dass diese fingerlangen Artefakte der älteste bekannte Beweis für alphabetische Schrift sein könnten. Sollte diese Einschätzung korrekt sein – wie er es in einer Universitätsmitteilung und bei der Jahreskonferenz der American Society of Overseas Research am Folgetag darlegte –, würde dies unser Verständnis über die Entstehung und Verbreitung des Alphabets revolutionieren.
Eine Revolution der Schrift – viel früher als gedacht?
„Alphabete haben das Schreiben revolutioniert, indem sie es für Menschen jenseits der Königshäuser und der gesellschaftlichen Elite zugänglich gemacht haben. Alphabetische Schrift hat die Lebensweise, das Denken und die Kommunikation der Menschen verändert“, erklärte Schwartz in der Mitteilung. „Und diese neue Entdeckung zeigt, dass Menschen viel früher und an einem ganz anderen Ort mit neuen Kommunikationstechnologien experimentierten, als wir bisher dachten.“
Die Ursprünge des Alphabets sind seit Jahren Gegenstand hitziger Diskussionen. Die meisten Experten gehen davon aus, dass das erste bekannte Alphabet in der ersten Hälfte des 2. Jahrtausends v. Chr. entwickelt wurde. Diese neue Entdeckung könnte diese Annahme jedoch ins Wanken bringen. Eine Kohlenstoffdatierung – eine bewährte Methode zur Altersbestimmung organischer Materialien – datiert die kleinen Zylinder auf etwa 2400 v. Chr. Das würde die Entstehung der alphabetischen Schrift um satte 500 Jahre nach vorne verschieben.
„Bisher dachte man, das Alphabet sei um oder nach 1900 v. Chr. in Ägypten erfunden worden“, erklärt Schwartz. „Aber unsere Artefakte sind älter und stammen aus einer ganz anderen Region, was darauf hindeutet, dass die Ursprünge des Alphabets vielleicht eine ganz neue Geschichte erzählen, als wir bisher angenommen haben.“
Rätselhafte Zylinder aus einer antiken Stadt
Die Funde stammen aus einer gemeinsamen Ausgrabung der Johns Hopkins University und der Universität Amsterdam in Tell Umm-el Marra, einer städtischen Siedlung, die um 2700 v. Chr. gegründet wurde. Experten vermuten, dass es sich um die antike Stadt Tuba handeln könnte.
„Die Zylinder sind perforiert, also könnten sie mit einer Schnur an ein anderes Objekt gebunden gewesen sein – vielleicht als Etikett. Möglicherweise gaben sie den Inhalt eines Gefäßes an, seine Herkunft oder seinen Besitzer“, spekuliert Schwartz. „Ohne eine Methode zur Entzifferung können wir nur rätseln, was sie wirklich bedeuten.“
Sollte sich diese Entdeckung als korrekt erweisen, könnte sie unser Verständnis über die Entwicklung der Schrift neu definieren – mit weitreichenden Folgen für die Geschichte der Menschheit. Denn alphabetische Schrift ebnete den Weg für effizientere Aufzeichnungen und erleichterte die Fernkommunikation.
Ob die vier Tonzylinder tätsächlich die Geschichte des Alphabets umschreiben, bleibt jedoch abzuwarten. Wissenschaftler müssen nun weitere Analysen durchführen, um die wahre Bedeutung dieser Funde zu entschlüsseln.