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Wissenschaft

Genom-Sequenzierung widerlegt Mythos vom Kollaps der Gesellschaft auf der Osterinsel

Neue Studie zeigt zudem: Polynesische Siedler auf Rapa Nui vermischten sich schon Jahrhunderte vor der Ankunft der Europäer mit indigenen Südamerikanern.
Von Adam Kovac Übersetzt von

Lesezeit 3 Minuten

Kurz nach der ersten Ankunft europäischer Entdecker auf der abgelegenen Pazifikinsel, die sie Osterinsel tauften, verbreitete sich eine Geschichte über die dort lebenden Menschen. Demnach hätten die Bewohner die Ressourcen der Insel erschöpft, was zu Kannibalismus und einem drastischen Bevölkerungseinbruch geführt habe – ein Fall von ‘ökologischem Selbstmord’. Doch eine neue Analyse von DNA-Proben historischer Einwohner erzählt eine ganz andere Geschichte.

Mithilfe von Radiokarbondatierung und Genom-Sequenzierung konnte ein Forschungsteam, darunter der Genetiker J. Víctor Moreno-Mayar von der Universität Kopenhagen, nachweisen, dass die Bevölkerung von Rapa Nui, wie die Insel heute genannt wird, nie einen solch dramatischen Rückgang erlebte. Die Untersuchung lieferte zudem überraschende Erkenntnisse über die Vorfahren der Inselbewohner, die unser Verständnis über die Interaktionen vor der Kolonialisierung revolutionieren könnten.

Rätsel um die Bevölkerungsgeschichte von Rapa Nui

Frühere archäologische Forschungen hatten gezeigt, dass Rapa Nui etwa um 1250 n. Chr. von polynesischen Siedlern besiedelt wurde. In den folgenden fünf Jahrhunderten entwickelten ihre Nachfahren die einzigartige Rapanui-Kultur, die heute vor allem für die beeindruckenden Steinstatuen, die Moai, bekannt ist (zur Klarstellung: „Rapanui“ bezeichnet das Volk, „Rapa Nui“ die Insel).

Lange Zeit ging die Forschung davon aus, dass die wachsende Bevölkerung – die ihren Höhepunkt mit rund 15.000 Menschen erreichte – die Insel entwaldete, was zu Nahrungsmittelknappheit und einem massiven Einbruch auf nur noch etwa 3.000 Einwohner führte, als die Europäer ankamen. Doch neuere Beweise stellen diese Theorie in Frage, darunter Analysen von Werkzeugen der Rapanui, die eine florierende Gesellschaft während des vermeintlichen Niedergangszeitraums belegen.

DNA-Analyse stärkt alternative Erklärung

Die neueste DNA-Analyse, veröffentlicht in der Fachzeitschrift Nature, stützt diese alternative Sichtweise weiter. Die Forscher rekonstruierten das Genom aus 15 menschlichen Proben, die laut Radiokarbondatierung von Personen stammen, die vor 1860 lebten. Anhand dieser Daten konnten sie die genetische Verwandtschaft der Inselbewohner über die Jahrhunderte hinweg analysieren. Das Ergebnis: Es gab zwar eine geringe Reduktion der Bevölkerung nach der ersten Besiedlung, jedoch keine plötzliche Explosion oder dramatischen Einbruch. Vielmehr wuchs die Population stetig von den ersten Siedlern bis zur Ankunft der Europäer im Jahr 1722.

Die Erkenntnisse widerlegen erneut die weitverbreitete Vorstellung, dass die Europäer eine am Boden zerstörte Gemeinschaft vorfanden, die durch Überkonsum, Gewalt und Kannibalismus in den Untergang getrieben wurde. In einem begleitenden Kommentar für Nature schreiben die Forscher Stephan Schiffels und Kathrin Nägele vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie: „Diese neuen Ergebnisse reihen sich in eine wachsende Anzahl von Beweisen ein, dass Rapa Nui trotz Umweltveränderungen eine große Population erhalten konnte. Erste historische Berichte beschrieben die Insel sogar als ein ‘irdisches Paradies’.“

Die Forscher ziehen zudem eine Parallele zur heutigen Klimakrise. Anstatt in Rapa Nui ein Mahnmal des Niedergangs zu sehen, könnte die Insel vielmehr eine „hoffnungsvolle Geschichte über die Widerstandsfähigkeit des Menschen und seine Fähigkeit, nachhaltigen Umgang mit Ressourcen zu lernen“ bieten.

Unerwartete genetische Verbindung zu Südamerika

Eine weitere überraschende Entdeckung der Studie betrifft die genetischen Wurzeln der Rapanui. Frühere DNA-Analysen historischer Rapanui-Überreste hatten keine Spuren indigener südamerikanischer Gene gefunden. Dank der umfassenderen Ganzgenom-Sequenzierung konnten die Wissenschaftler nun jedoch nachweisen, dass Rapanui bereits zwischen 1336 und 1402 – also nach ihrer Ankunft auf der Insel und lange vor den Europäern – Nachkommen mit indigenen Südamerikanern zeugten. Insgesamt ließ sich etwa 10 % des DNA-Materials auf Menschen von der südamerikanischen Küste zurückführen.

Doch wie gelangten diese Menschen nach Rapa Nui? Die Insel liegt mehr als 1.900 Kilometer von der nächstgelegenen bewohnten Insel entfernt und gehört zu den abgelegensten bewohnten Orten der Erde. Zwar ist Rapa Nui heute offiziell Teil Chiles, doch das Festland liegt unglaubliche 3.686 Kilometer entfernt.

Ethische Fragen zur Herkunft der DNA-Proben

Ein wichtiger Aspekt der Studie betrifft die Herkunft der genetischen Proben. Die DNA wurde aus menschlichen Überresten gewonnen, die im 19. Jahrhundert in ein Museum nach Paris gebracht wurden – eine Praxis, die im kolonialen Kontext problematisch und umstritten ist. Die Anthropologen betonten deshalb in ihrer Arbeit, dass sie eng mit der Rapa Nui-Gemeinschaft zusammenarbeiteten, um eine Zustimmung zur Untersuchung der menschlichen Überreste zu erhalten. Die Forscher fanden heraus, dass diese Menschen mit heutigen Rapanui verwandt waren, was ihnen Hoffnung gibt, dass die Proben irgendwann an die Insel zurückgeführt werden.

Die neue Studie unterstreicht somit nicht nur die Widerstandsfähigkeit der Rapanui, sondern wirft auch ein neues Licht auf frühere interkulturelle Kontakte zwischen Polynesiern und indigenen Südamerikanern – eine Geschichte, die vielleicht erst jetzt in vollem Umfang verstanden wird.

 

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