Geistige Leere ist weit verbreitet
Wenn dein Geist mitten in einer Aufgabe plötzlich leer wird, bist du nicht allein. Neue Forschungsergebnisse zeigen, dass dieses Phänomen real ist. Ein internationales Forscherteam aus Belgien, Frankreich und Australien hat frühere Studien zum Thema ausgewertet. Sie argumentieren, dass geistige Leere ein eigenständiger Bewusstseinszustand sei, ähnlich dem Tagträumen, aber klar davon zu unterscheiden.
Zusammenarbeit durch gemeinsames Interesse
Die Autoren sind Experten auf dem Gebiet der Bewusstseinsforschung. Ihr gemeinsames Projekt begann nach einer Konferenz vor drei Jahren. Athena Demertzi, Direktorin des Labors für Kognitionsphysiologie an der Universität Lüttich, erklärt: „Mind blanking ist für viele Meditationsforscher nichts Neues.“ Doch auch die Kognitions- und Schlafforschung entdeckt das Thema zunehmend.
Leere im Alltag und beim Träumen
„Kognitionswissenschaftler erkennen zunehmend, dass Menschen im Alltag Momente geistiger Leere erleben“, sagt Demertzi. In der Traumforschung gibt es ähnliche Phänomene: sogenannte „weiße Träume“, bei denen man sich an das Träumen erinnert, aber keinen konkreten Inhalt abrufen kann.
Auswertung von 80 Studien
Das Team analysierte rund 80 relevante Fachartikel, darunter auch eigene Untersuchungen. In einigen davon wurde die Hirnaktivität von Probanden während bewusst erlebter geistiger Leere gemessen. Das Ergebnis ist klar: „Mind blanking ist real“, so Demertzi. „Es ist kein reines Vergessen oder ein Berichtsfehler.“
Ein eigenständiger Zustand im Gehirn
Die Forscher fanden Hinweise auf ein eigenes Aktivitätsmuster im Gehirn. Bei Aufgaben, in denen Teilnehmer ihren Geist bewusst leeren sollten, zeigte sich eine reduzierte Aktivität. Besonders betroffen waren Regionen wie der supplementär-motorische Kortex und der Hippocampus. EEG-Messungen deuten darauf hin, dass Teile des Gehirns in eine schlafähnliche Phase übergehen.
Häufigkeit und individuelle Unterschiede
Die Ergebnisse, veröffentlicht in „Trends in Cognitive Sciences“, zeigen: Menschen erleben durchschnittlich in 5 % bis 20 % der Zeit geistige Leere. Besonders betroffen scheinen Menschen mit ADHS. Allerdings sei mehr Forschung nötig, um diese Zusammenhänge zu bestätigen und offene Fragen zu klären.
Offene Fragen bleiben
„Wie lange dauert ein typischer Moment der Leere? Gibt es verschiedene Typen?“, fragt Demertzi. „Könnte es freiwillige Episoden geben? Tritt geistige Leere auch in Flow-Zuständen auf?“ Diese Fragen lassen sich derzeit noch nicht beantworten. Auch die genaue Ursache bleibt unklar: Fehlt der geistige Inhalt – oder nur der Zugang dazu?
Ein Aufruf zu mehr Forschung
Die Autoren hoffen, dass ihre Arbeit andere Wissenschaftler dazu motiviert, sich intensiver mit dem Thema zu beschäftigen. Denn geistige Leere ist mehr als ein kurzes Nichtstun – sie könnte uns wichtige Einblicke in das menschliche Bewusstsein liefern.
Und während Forscher noch über neuronale Mechanismen diskutieren, frage ich mich: Wo genau entstehen eigentlich all die aufdringlichen Gedanken über meine Katze?