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Wissenschaft

Frühe Menschen besiedelten Regenwälder viel früher als gedacht

Neue Studie stellt bisherige Annahmen auf den Kopf
Von Margherita Bassi Übersetzt von

Lesezeit 2 Minuten

Moderne Menschen gibt es seit rund 300.000 Jahren, doch bisher nahm man an, dass sie erst vor etwa 70.000 Jahren begannen, in Regenwäldern zu leben. Eine bahnbrechende Studie zeigt nun, dass diese Annahme nicht stimmt – und dass unsere Vorfahren diese dichten, feuchten Lebensräume schon vor 150.000 Jahren bewohnten.

Revolutionäre Entdeckung in Westafrika

Ein internationales Forschungsteam hat eine archäologische Stätte in der heutigen Elfenbeinküste erneut untersucht und festgestellt, dass Homo sapiens dort bereits vor 150.000 Jahren lebte. Die Ergebnisse, die kürzlich in der Fachzeitschrift Nature veröffentlicht wurden, werfen ein neues Licht auf die Entwicklungsgeschichte des modernen Menschen. Bislang wurde angenommen, dass frühe Menschen hauptsächlich in offenen Savannen und Graslandschaften lebten, doch die Studie beweist, dass Regenwälder ebenfalls eine entscheidende Rolle spielten.

„Vor unserer Untersuchung lag die älteste gesicherte Evidenz für menschliche Besiedlung in afrikanischen Regenwäldern bei etwa 18.000 Jahren, und die älteste überhaupt stammt aus Südostasien und ist etwa 70.000 Jahre alt“, erklärt Eslem Ben Arous, Archäologin am Max-Planck-Institut für Geoanthropologie und Hauptautorin der Studie. „Unsere Entdeckung verdoppelt dieses Zeitfenster mehr als nur.“

Bereits in den 1980er Jahren untersuchte der Archäologe Yodé Guédé von der Université Félix Houphouët-Boigny die Fundstätte und entdeckte Steinwerkzeuge, konnte deren Alter jedoch nicht bestimmen. Mithilfe modernster Analysemethoden konnte das Forschungsteam nun bestätigen, dass der Ort bereits vor 150.000 Jahren von Menschen bewohnt wurde. Zudem zeigten Pflanzenreste in den Sedimentproben, dass es sich damals um einen dichten Regenwald handelte.

Was bedeutet das für unser Verständnis der Menschheitsgeschichte?

Die Erkenntnisse könnten unser bisheriges Bild von der menschlichen Evolution nachhaltig verändern. „Diese Studie zeigt, dass ökologische Vielfalt ein zentraler Faktor in der Geschichte unserer Spezies ist“, erklärt Eleanor Scerri, Mitautorin der Studie. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass sich frühe Menschengruppen je nach Region und Umgebung unterschiedlich entwickelten. Dies wirft neue Fragen auf: Wie beeinflusste die Rückkehr des Menschen in die Regenwälder die dortige Flora und Fauna? Und wie weit reicht der menschliche Einfluss auf natürliche Lebensräume wirklich zurück?

Bisher wurde die sogenannte „Savannen-Hypothese“ als grundlegendes Modell für die menschliche Evolution betrachtet. Demnach förderte der Übergang von Waldgebieten zu offenen Landschaften wichtige Merkmale wie den aufrechten Gang, den Gebrauch von Werkzeugen und neue Jagdstrategien. Die neue Studie stellt jedoch die Frage, ob die Rückkehr in den Regenwald ebenfalls evolutionäre Veränderungen mit sich brachte.

Die Forschungsergebnisse werfen nicht nur Licht auf die Ursprünge des modernen Menschen, sondern könnten auch wichtige Impulse für den Naturschutz liefern. Wenn bereits unsere frühen Vorfahren Regenwälder besiedelten, stellt sich die Frage, wie stark menschliche Aktivitäten über Jahrtausende hinweg diese empfindlichen Ökosysteme verändert haben.

Diese neue Perspektive erfordert ein Umdenken in der Anthropologie – und könnte unser Verständnis der menschlichen Evolution nachhaltig verändern.

 

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