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Wissenschaft

Fleischfressende Intim-Infektionen breiten sich in Europa aus: Ärzt:innen schlagen Alarm

In Großbritannien und anderen Ländern mehren sich Fälle von nekrotisierender Fasziitis – einer lebensgefährlichen, "fleischfressenden" Infektion, die zunehmend auch die Vulva betrifft.
Von Ed Cara Übersetzt von

Lesezeit 3 Minuten

Ein seltener, aber extrem gefährlicher Infektionstyp breitet sich offenbar aus – und zwar genau dort, wo man ihn am wenigsten erwartet. Gynäkolog:innen im Vereinigten Königreich melden einen deutlichen Anstieg von Fällen nekrotisierender Fasziitis im Bereich der Vulva, also der äußeren weiblichen Geschlechtsorgane. Diese Infektion ist im Volksmund als „fleischfressende Krankheit“ bekannt – und der Name kommt nicht von ungefähr.

In einem kürzlich im Fachjournal BMJ Case Reports veröffentlichten Artikel beschreiben Ärzt:innen des Shrewsbury and Telford Hospital NHS Trust gleich drei erschütternde Fälle. Alle betroffenen Frauen mussten ins Krankenhaus eingeliefert werden – eine von ihnen überlebte die Infektion nicht.

Diese Fälle sind laut den Fachleuten kein Einzelfall, sondern Teil eines größeren Trends. Auch in den USA nimmt die Zahl solcher Infektionen deutlich zu.

Was steckt hinter der „fleischfressenden“ Krankheit?

Die nekrotisierende Fasziitis ist eine aggressive bakterielle Infektion, die das Weichgewebe unter der Haut – vor allem die sogenannte Faszie – zerstört. Auch wenn es so aussieht, als würden die Bakterien das Gewebe regelrecht auffressen, ist es in Wahrheit der massive Gewebezerfall durch das eigene Immunsystem und toxische Abbauprodukte der Erreger. Das tückische daran: Die Infektion breitet sich blitzschnell aus und kann innerhalb von zwölf Stunden zu Organversagen, Sepsis und Tod führen.

Besonders erschreckend: Diese Art der Infektion tritt zwar grundsätzlich selten auf, doch die Zahlen steigen. Und der Intimbereich scheint besonders gefährdet zu sein.

Drei Fälle, ein tödlicher Ausgang

In zwei der dokumentierten Fälle wurde die Krankheit direkt in der Notaufnahme diagnostiziert. Im dritten Fall entwickelte sich die Infektion als Folge einer entzündeten OP-Wunde.

Eine Patientin hatte sich bereits fünf Tage vor ihrer Einlieferung wegen eines verdächtigen Flecks im Schambereich behandeln lassen. Ihr wurden Antibiotika verschrieben – jedoch ohne Erfolg. Als sie schließlich im Krankenhaus aufgenommen wurde, hatte sich die Infektion bereits auf große Teile ihres Unterleibs ausgebreitet – inklusive Schamlippen, Bauchregion und Hüfte. Trotz sofortiger Operationen und intensivmedizinischer Behandlung verstarb die Frau nur 28 Stunden nach der Diagnose an einer schweren Blutvergiftung.

Die beiden anderen Patientinnen überlebten – aber nur knapp. Beide mussten mehrfach operiert werden, um das abgestorbene Gewebe zu entfernen. Eine von ihnen benötigte im Anschluss sogar eine rekonstruktive Operation.

Der Trend ist eindeutig

Die Fachleute in Shrewsbury und Telford schlagen jetzt öffentlich Alarm. Zwischen 2022 und 2024 verzeichnete ihr Krankenhaus 20 Fälle von nekrotisierender Fasziitis im Vulvabereich – mehr als im gesamten Jahrzehnt davor, in dem lediglich 18 Fälle dokumentiert wurden.

Und auch auf globaler Ebene zeichnet sich eine besorgniserregende Entwicklung ab: Die US-Gesundheitsbehörde CDC veröffentlichte erst kürzlich eine Studie, laut der sich die Zahl der invasiven Infektionen mit Streptococcus pyogenes – dem Hauptauslöser der nekrotisierenden Fasziitis – zwischen 2013 und 2022 mehr als verdoppelt hat. Auch andere Länder Europas, darunter Großbritannien, berichten von einem Anstieg.

Warum schnelle Reaktion so wichtig ist

Trotz ihrer Seltenheit ist diese Infektion extrem gefährlich. Die Überlebenschancen hängen entscheidend davon ab, wie schnell sie erkannt und behandelt wird. Gerade im Bereich der Vulva kann die Sterblichkeitsrate bei bis zu 50 Prozent liegen – wenn keine rasche medizinische Hilfe erfolgt.

Mit ihrem Fallbericht wollen die britischen Ärzt:innen daher nicht nur informieren, sondern auch gezielt Gynäkolog:innen sensibilisieren. Denn diese sind mit der Krankheit oft nur wenig vertraut – was die frühzeitige Erkennung zusätzlich erschwert.

„Mit der Veröffentlichung dieser drei Fälle möchten wir das Bewusstsein für diese Erkrankung schärfen – besonders bei Frauenärzt:innen, die nur selten damit in Kontakt kommen“, schreiben die Autor:innen.

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