Zwei aktuelle Studien der US-Gesundheitsbehörde CDC legen nahe, dass mehr Zeckenarten als bislang angenommen für eine seltene, aber wachsende Fleischallergie verantwortlich sein könnten – darunter auch solche, die bisher nicht im Verdacht standen.
Unterschätzte Gefahr: Alpha-Gal-Syndrom breitet sich aus
In der Fachzeitschrift Emerging Infectious Diseases berichten CDC-Forschende zusammen mit lokalen Gesundheitsbehörden von Fällen der sogenannten Alpha-Gal-Allergie (auch Alpha-Gal-Syndrom genannt), die durch Zecken ausgelöst wurde, die üblicherweise mit Lyme-Borreliose in Verbindung gebracht werden – nicht aber mit Fleischunverträglichkeit. Auch wenn diese Fälle noch als selten gelten, zeigen sie doch: Das Risiko, durch einen Zeckenbiss plötzlich kein rotes Fleisch mehr vertragen zu können, ist womöglich größer als gedacht.
Der Auslöser ist ein Zucker namens Alpha-Gal, der in den Muskeln der meisten Säugetiere vorkommt – mit einer wichtigen Ausnahme: dem Menschen. Normalerweise steckt unser Immunsystem diesen Zucker problemlos weg, wenn wir etwa ein Steak oder ein Stück Käse essen. Doch nach einem bestimmten Zeckenbiss kann der Körper plötzlich anfangen, Alpha-Gal als gefährlich einzustufen. Das Ergebnis: eine überschießende Immunreaktion – sprich, eine ausgewachsene Fleischallergie. Und das Krasse daran? Im Gegensatz zu klassischen Nahrungsmittelallergien, die durch Proteine ausgelöst werden, ist hier ein Zucker der Übeltäter. Außerdem treten die Symptome oft erst Stunden nach dem Essen auf, was die Diagnose zusätzlich erschwert.
Verdächtige Zecken außerhalb ihres „Territoriums“
Bisher galt die sogenannte Lone-Star-Zecke (Amblyomma americanum), verbreitet im Osten der USA, als Hauptverursacher des Alpha-Gal-Syndroms. Doch die neuen Studien zeigen, dass auch andere Zeckenarten betroffen sein könnten. Das macht die Lage deutlich komplizierter.
In einer der Studien wurde der Fall einer Frau aus dem Bundesstaat Washington dokumentiert. Sie entwickelte 2017 die Fleischallergie – nach einem Zeckenbiss von unbekannter Art. Daraufhin stieg sie komplett auf vegetarische Ernährung um. Drei Jahre später wurde sie erneut gebissen, zeigte aber keine Symptome, vermutlich wegen ihrer fleischlosen Ernährung. Bluttests zeigten dennoch einen deutlichen Anstieg der Alpha-Gal-Antikörper. Diesmal konnte sie die Zecke aufbewahren: Es handelte sich um die westliche Schwarzbeinige Zecke (Ixodes pacificus). Zwei Jahre später: derselbe Ablauf, wieder mit einer Ixodes pacificus. Wichtiges Detail: Die Frau war in den Jahren davor nicht in Gebieten unterwegs gewesen, in denen die Lone-Star-Zecke heimisch ist.
Ein zweiter Fall kam aus dem Bundesstaat Maine. Dort wurde ein Mann untersucht, bei dem ebenfalls das Alpha-Gal-Syndrom festgestellt wurde – vermutlich nach einem Biss durch die Hirschzecke (Ixodes scapularis). Zwar wurde die Lone-Star-Zecke in Maine vereinzelt gesichtet, eine stabile Population gibt es dort laut Forschenden aber nicht. Und trotzdem: Zwischen 2014 und heute wurden in Maine insgesamt 23 bestätigte Fälle der Fleischallergie registriert. Einige Betroffene hatten gar keine Reisen in Risikogebiete unternommen.
Zeckenarten im Visier – und mit ihnen neue Risikogebiete
„Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass auch andere Zeckenarten als Amblyomma americanum in die Entstehung des Alpha-Gal-Syndroms verwickelt sein könnten“, schreiben die Forschenden in einer der Studien. Und: Die geografische Verteilung der dokumentierten Fälle passe nicht mehr ausschließlich zum bekannten Verbreitungsgebiet der Lone-Star-Zecke.
Das heißt aber nicht, dass wir es hier mit einer völligen Zeitenwende zu tun haben. Die meisten Fleischallergien in den USA treten nach wie vor dort auf, wo die Lone-Star-Zecke weit verbreitet ist. Auch Laborversuche belegen, dass diese Art mit größerer Wahrscheinlichkeit die allergieauslösende Reaktion auslöst als andere. Aber: Die Hirschzecke und die westliche Schwarzbeinige Zecke kommen in vielen Teilen der USA vor – und sind ohnehin schon für Krankheiten wie Lyme-Borreliose verantwortlich.
Die Zahlen steigen – und das Bewusstsein muss mit
Auch wenn Alpha-Gal-Fälle durch andere Zeckenarten (noch) seltener sind, ist das generelle Auftreten der Fleischallergie auf dem Vormarsch. Laut einer CDC-Studie aus dem Jahr 2023 könnten seit 2010 bereits bis zu 450.000 Amerikaner*innen an dem Syndrom erkrankt sein – Tendenz steigend. Sollten tatsächlich auch andere Zeckenarten beteiligt sein, müssten sowohl Mediziner*innen als auch die Bevölkerung in bislang „sicheren“ Regionen umdenken und die Möglichkeit einer Fleischallergie nach Zeckenbiss ernst nehmen.
Was bedeutet das für Betroffene?
Wer nach einem Zeckenbiss plötzlich Symptome wie Magenkrämpfe, Übelkeit, Hautausschlag oder gar Atemnot nach dem Verzehr von Fleisch oder Milchprodukten bemerkt, sollte nicht zögern, ärztliche Hilfe aufzusuchen und sich auf Alpha-Gal testen lassen. Besonders tückisch ist, dass die Symptome nicht sofort auftreten – sondern oft erst mehrere Stunden später, was die Zuordnung erschwert.
Die gute Nachricht: Wer betroffen ist, kann meist durch eine Ernährungsumstellung – sprich: Verzicht auf rotes Fleisch und ggf. Milchprodukte – ein relativ beschwerdefreies Leben führen. Aber das Bewusstsein für diese ungewöhnliche Allergie muss wachsen – bei Mediziner*innen ebenso wie in der Öffentlichkeit.
Die Forschung steht noch am Anfang, doch eins ist klar: Die Zecke hat mehr im Gepäck als nur Lyme-Borreliose. Wer in zeckenreichen Gebieten lebt oder unterwegs ist, sollte den kleinen Blutsaugern künftig noch mehr Aufmerksamkeit schenken.