Das zeigt ein internationales Forschungsprojekt, das am Montag die Ergebnisse von 14 parallel veröffentlichten Studien präsentierte. Die Untersuchung deckt neun bedeutende Flüsse ab, vom Themseufer in London bis hin zum Tiber in Rom – und die Bilanz ist eindeutig: Kein einziger Fluss kam ohne Mikroplastik davon.
Mikroplastik in jedem Fluss – ohne Ausnahme
„Die Verschmutzung ist in allen untersuchten europäischen Flüssen nachweisbar“, sagt Jean-François Ghiglione, ein französischer Wissenschaftler, der das groß angelegte Projekt koordinierte. Gemeinsam mit einem Team aus rund 40 Forschenden aus 19 Laboren sammelte er Proben aus den Flussmündungen von Elbe, Ebro, Garonne, Loire, Rhone, Rhein, Seine, Themse und Tiber – und verfolgte den Weg stromaufwärts bis zur jeweils ersten großen Stadt.
Was sie fanden, lässt aufhorchen: Im Schnitt treiben etwa drei Mikroplastikpartikel pro Kubikmeter Wasser durch die Flüsse. Klingt auf den ersten Blick wenig, ist aber alles andere als harmlos – vor allem, wenn man die enormen Wassermengen bedenkt, die diese Ströme tagtäglich führen.
Tausende Partikel – pro Sekunde
Besonders eindrücklich wird das Beispiel am französischen Rhone-Fluss in Valence: Dort rauschen rund 3.000 Plastikpartikel pro Sekunde durch die Strömung. In der Seine bei Paris sind es immerhin noch etwa 900 pro Sekunde. Diese Zahlen verdeutlichen, wie massiv die Belastung tatsächlich ist – auch wenn europäische Flüsse im Vergleich zu den weltweit am stärksten verschmutzten Gewässern wie dem Jangtse oder Ganges auf den ersten Blick glimpflich abschneiden. Dort wurden bis zu 40 Partikel pro Kubikmeter gemessen. Aber: Diese Angaben vernachlässigen den Durchfluss – und der ist in Europa nicht zu unterschätzen.
Unsichtbare Gefahr
Ein besonders beunruhigendes Detail: Der Großteil des Mikroplastiks ist mit bloßem Auge nicht erkennbar. Laut Ghiglione ist die Masse dieser unsichtbaren Partikel sogar deutlich größer als die der sichtbaren Plastikstücke. „Das hat selbst uns überrascht“, sagt der Forscher vom französischen Zentrum für wissenschaftliche Forschung (CNRS). Möglich gemacht haben diese Erkenntnisse neue Analysemethoden, die seit dem Start der Studien im Jahr 2019 weiterentwickelt wurden.
Während größere Plastikstücke oft an der Oberfläche treiben, verteilen sich die mikroskopisch kleinen Teilchen über die gesamte Wassersäule. Genau das macht sie so gefährlich – denn sie werden von Tieren und Mikroorganismen aufgenommen, gelangen in Nahrungsketten und am Ende womöglich auch auf unsere Teller.

Vom Waschbecken bis zum Flussbett
Was genau ist eigentlich Mikroplastik? „Die Partikel sind kleiner als ein Reiskorn“, erklärt Alexandra Ter Halle, Chemikerin beim CNRS in Toulouse. Sie entstehen zum Beispiel beim Waschen synthetischer Textilien, beim Abrieb von Autoreifen oder beim Öffnen von Plastikflaschen. Aber auch in der Industrie spielt Mikroplastik eine Rolle – und zwar in Form von sogenannten „Mermaid Tears“, kleinen Plastikgranulaten, die als Rohmaterial für die Kunststoffproduktion dienen.
Und genau diese Kügelchen sorgen für eine weitere Überraschung: Rund ein Viertel der Mikroplastikpartikel in Europas Flüssen stammt nicht aus Müll, sondern aus fabrikneuen, industriell eingesetzten Granulaten. Manchmal gelangen sie nach Unfällen sogar direkt ins Meer – und landen dann als kleine, unscheinbare Körner am Strand.
Gefährliche Mitfahrer: Keime auf Plastik
Doch nicht nur das Plastik selbst ist problematisch. In einer der Studien entdeckten Forschende im französischen Loire-Fluss einen Krankheitserreger auf einem Mikroplastikpartikel, der potenziell Infektionen beim Menschen auslösen kann. Auch das zeigt, wie komplex und gefährlich das Thema Mikroplastik wirklich ist.
Ein Appell an die Politik – und die Industrie
Was tun? Für Ghiglione ist die Sache klar: „Die Verschmutzung ist diffus, fest verankert – und kommt von überall.“ Deshalb brauche es nicht nur Aufklärung, sondern auch konkrete politische Maßnahmen. Gemeinsam mit internationalen Partnern, unter anderem im Rahmen der UN-Verhandlungen zur Eindämmung von Plastikverschmutzung, fordert das Forschungsteam ein drastisches Zurückfahren der Kunststoffproduktion – vor allem im Bereich der sogenannten Primärkunststoffe, also solcher, die noch gar nicht verwendet oder entsorgt wurden.
Denn eines ist inzwischen klar: Je mehr Plastik produziert wird, desto mehr landet davon früher oder später in der Umwelt.
Quelle: www.thelocal.de