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Wissenschaft

Erste Pille gegen Kokainsucht? Hoffnung durch neues Medikament aus der Schweiz

Könnte das die Wende im Kampf gegen Kokainsucht sein?
Von Ed Cara Übersetzt von

Lesezeit 3 Minuten

Ein neues Medikament sorgt derzeit für Aufsehen in der Forschung zur Suchtbehandlung: In einer kleinen klinischen Studie der Phase II wurde festgestellt, dass Personen mit Kokainabhängigkeit, die das Präparat Mavoglurant einnahmen, deutlich weniger Kokain konsumierten als diejenigen, die ein Placebo erhielten.

Hoffnung für Millionen: Was Mavoglurant bewirken könnte

Die Ergebnisse der heute veröffentlichten Studie geben Anlass zur Hoffnung. Entwickelt wurde das Medikament ursprünglich vom Pharmariesen Novartis – allerdings nicht für Suchterkrankungen, sondern für die genetisch bedingte Entwicklungsstörung Fragiles-X-Syndrom. In diesem ursprünglichen Anwendungsfeld blieb der Erfolg jedoch aus. Doch nun könnte Mavoglurant an ganz anderer Stelle Wirkung zeigen: in der Behandlung von Stimulanzienabhängigkeit, insbesondere bei Kokain.

Die Studie wurde von einem Forschungsteam bei Novartis durchgeführt und umfasste 68 Personen mit diagnostizierter Kokainabhängigkeit. Über einen Zeitraum von drei Monaten erhielten sie entweder ein Placebo oder Mavoglurant – in Tablettenform, zweimal täglich. Das Ergebnis: Diejenigen, die das Medikament nahmen, konsumierten nicht nur seltener Kokain, sondern tranken auch weniger Alkohol.

Kokain, Meth & Co: Ein wachsendes Problem

In den USA zeigen die Zahlen ein alarmierendes Bild: 2022 sollen etwa 10,2 Millionen Menschen ab 12 Jahren Stimulanzien wie Kokain, Methamphetamin oder verschreibungspflichtige Aufputschmittel missbraucht haben. Rund 4,5 Millionen erfüllten die Kriterien einer Stimulanziengebrauchsstörung – also dem fortgesetzten Konsum trotz massiver negativer Auswirkungen auf Gesundheit, Alltag und Beziehungen. Tendenz: steigend.

Besonders gefährlich wird es, wenn Stimulanzien mit anderen Drogen wie Opioiden kombiniert werden. Diese Mischkonsumsituationen sind mittlerweile ein häufiger Grund für Überdosis-Todesfälle.

Bisher: Nur Gespräche, keine Pillen

Derzeit gibt es für die Behandlung von Kokainsucht keine zugelassenen Medikamente. Alles, was angeboten wird, basiert auf psychosozialen Ansätzen wie kognitiver Verhaltenstherapie oder Beratung. Medikamente wie Disulfiram, die manchmal off-label eingesetzt werden, zeigen insgesamt nur mäßige Wirkung. Die Lücke in der Behandlung ist also groß – und genau hier könnte Mavoglurant ins Spiel kommen.

Wie funktioniert das Ganze?

Mavoglurant blockiert einen bestimmten Rezeptor im Gehirn: mGluR5. Der ist an der Regulierung unseres Belohnungssystems beteiligt – also genau dem Mechanismus, der bei Drogenkonsum aus dem Ruder läuft. Erste Studien deuteten bereits an, dass dieser Rezeptor eine Rolle bei der Reaktion auf Stimulanzien spielt. Die Idee: Wenn man den Rezeptor blockiert, könnte das die Lust auf Kokain mindern.

Und genau das scheint nun auch im klinischen Kontext zu funktionieren.

Die Studie im Detail

Die Teilnehmenden wurden nach dem Zufallsprinzip in zwei Gruppen eingeteilt: eine erhielt ein Placebo, die andere Mavoglurant. Die Dauer der Einnahme betrug 98 Tage. Um den tatsächlichen Konsum zu messen, nutzten die Forschenden neben Selbstauskünften auch Urin- und Haaranalysen, die auf Abbauprodukte von Kokain testeten.

Das Ergebnis: Signifikant weniger Kokainkonsum in der Mavoglurant-Gruppe. Auch der Alkoholkonsum ging leicht zurück – ein interessanter Nebeneffekt, der ebenfalls weiter erforscht werden soll. Was die Nebenwirkungen angeht, blieb Mavoglurant im Großen und Ganzen gut verträglich. Die häufigsten Beschwerden waren Kopfschmerzen, Schwindel und Übelkeit.

Ein kleiner Schritt mit großer Wirkung?

„In dieser kleinen und kurzen Studie reduzierte Mavoglurant den Kokain- und Alkoholkonsum bei Patient:innen mit chronischer Kokainsucht“, schreiben die Forschenden in ihrer Veröffentlichung im Fachjournal Science Translational Medicine.

Wichtig ist jedoch: Die Studie ist zwar vielversprechend, aber noch zu klein, zu kurz und zu spezifisch, um endgültige Aussagen zu treffen. Es braucht dringend größere, diversere und langfristige Studien, um die Wirksamkeit und Sicherheit des Medikaments zuverlässig zu belegen.

Was kommt als Nächstes?

2023 wurde die Lizenz für die Weiterentwicklung von Mavoglurant an das Biotech-Unternehmen Stalicla SA übertragen. Dort soll nun gezielt an einer Zulassung zur Behandlung von Stimulanzienabhängigkeit gearbeitet werden. Sollte das erfolgreich sein, wäre es das erste offiziell zugelassene Medikament gegen Kokainsucht überhaupt – ein echter Meilenstein.

Die Hinweise auf reduzierten Alkoholkonsum werfen zudem neue Forschungsfragen auf: Welche Rolle spielt der mGluR5-Rezeptor beim Umgang mit Alkohol? Vielleicht öffnet sich hier auch eine Tür zur Behandlung von Alkoholabhängigkeit – ein weiteres Feld mit viel Forschungsbedarf.

Noch kein Wundermittel, aber ein Hoffnungsschimmer

Mavoglurant ist kein Allheilmittel – noch nicht. Aber die bisherigen Ergebnisse zeigen: Es gibt berechtigte Hoffnung auf eine medikamentöse Unterstützung bei Kokainabhängigkeit. Für Millionen Betroffene weltweit könnte das eine echte Chance sein, sich aus der Abwärtsspirale von Sucht und Rückfall zu befreien. Und das allein ist schon ein riesiger Fortschritt.

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