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Wissenschaft

Erste personalisierte Gentherapie rettet ein Baby mit tödlicher Erbkrankheit

KJ wurde mit einer Stoffwechselstörung geboren, die für bis zu 50 % der betroffenen Babys tödlich verläuft.
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Lesezeit 3 Minuten

Ein medizinischer Meilenstein

Ein bedeutender medizinischer Durchbruch ist gelungen: Zum ersten Mal setzten Wissenschaftler eine personalisierte CRISPR-Gentherapie ein, um eine seltene und lebensbedrohliche Erkrankung bei einem Baby zu behandeln.

Ärzte des Children’s Hospital of Philadelphia (CHOP) und von Penn Medicine berichteten über ihren Erfolg in einem am Donnerstag im New England Journal of Medicine veröffentlichten Artikel. Der kleine Patient, KJ genannt, wurde mit einer Stoffwechselkrankheit geboren, die für fast die Hälfte aller betroffenen Säuglinge tödlich verläuft. Drei Monate nach der ersten Dosis scheint KJ jedoch gut auf die Therapie angesprochen zu haben – er ist bei guter Gesundheit.

„Dieser Moment wurde durch jahrelange Arbeit in der Gen-Editierung und die enge Zusammenarbeit zwischen Forschern und Ärzten möglich gemacht. Und obwohl KJ nur eines von vielen Babys ist, hoffen wir, dass er der erste von vielen Patienten sein wird, die von einer Methode profitieren, die sich an individuelle Bedürfnisse anpassen lässt“, sagte Rebecca Ahrens-Nicklas, Direktorin für Gentherapie am Programm für erbliche Stoffwechselstörungen des CHOP, laut einer Mitteilung des Krankenhauses.

Eine seltene, oft tödliche Diagnose

Kurz nach seiner Geburt im Sommer 2024 wurde bei KJ eine schwere Carbamoylphosphat-Synthetase-1-Mangel (CPS1) diagnostiziert. Diese Krankheit verhindert, dass die Leber ein bestimmtes Enzym produziert, das Ammoniak – ein häufig anfallendes Abfallprodukt – in Harnstoff umwandelt, der dann über den Urin ausgeschieden wird. Bleibt diese Umwandlung aus, reichert sich das Ammoniak im Körper an und schädigt Organe schwer.

Obwohl es sich um eine seltene Krankheit handelt, kann CPS1 durch verschiedene Genmutationen verursacht werden – das heißt: Nicht alle Fälle beruhen auf der gleichen genetischen Ursache.

Bisherige Behandlungen und ihre Grenzen

Zur Behandlung gibt es strenge, proteinarme Diäten, um den Ammoniakspiegel zu senken. Doch fast die Hälfte der betroffenen Säuglinge stirbt in der ersten Lebenswoche. Einzige bisher heilende Maßnahme: eine Lebertransplantation. Dafür sind Neugeborene jedoch meist zu jung. Bis sie operiert werden können, sind sie den gefährlichen Folgen der Krankheit – einschließlich dauerhafter Hirnschäden – ausgesetzt.

Der Moment der Entscheidung

Forschende am CHOP und bei Penn Medicine arbeiteten bereits an personalisierten Gentherapien für seltene Erkrankungen – KJ war der perfekte Kandidat. Mit Zustimmung der Eltern und der US-Arzneimittelbehörde FDA begann das Team mit der Entwicklung.

Innerhalb von sechs Monaten entwickelten, testeten und verabreichten sie KJ ein auf ihn zugeschnittenes Medikament. Die Therapie basiert auf einer modifizierten CRISPR-Technologie, die mittels Lipid-Nanopartikeln gezielt in Leberzellen eingebracht wurde. Dort bearbeitet sie eine einzelne Base im defekten Gen – das entspricht einem Buchstaben im DNA-Code – und ermöglicht dem Körper, Ammoniak wieder korrekt abzubauen. Die Methode wurde zuvor an Mäusen und Affen getestet.

Erste Ergebnisse machen Hoffnung

Im Februar 2025 erhielt KJ zunächst eine niedrige Dosis der Therapie, genannt k-abe. Nachdem er diese gut vertrug, folgten im März und April zwei höhere Dosen – ohne erkennbare Nebenwirkungen.

Inzwischen kann KJ mehr Eiweiß zu sich nehmen und braucht weniger Medikamente zur Ammoniaksenkung. Während der Behandlung erlitt er einige für Babys typische Infektionen, die bei CPS1 jedoch gefährlich sein können – doch er erholte sich jedes Mal gut. Auch das gilt als vielversprechendes Zeichen.

Ob die Therapie langfristig sicher ist oder KJ weitere Behandlungen braucht, wird sich erst mit der Zeit zeigen. Doch bislang läuft alles wie erhofft.

Ein Wegweiser für zukünftige Therapien?

KJs Geschichte könnte erst der Anfang sein. Die Forschenden sind zuversichtlich, dass ihr Ansatz auf weitere seltene genetische Erkrankungen anwendbar ist.

„Wir möchten, dass jeder Patient dieselbe Chance auf ein gutes Ergebnis bekommt wie KJ“, sagte Kiran Musunuru, Genetiker bei Penn Medicine und Leiter des Projekts. „Das Versprechen der Gentherapie, von dem wir seit Jahrzehnten hören, beginnt Realität zu werden – und es wird die Medizin grundlegend verändern.“

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