Jahrelang haben Fachleute über die Geheimnisse spekuliert, die unter dem Mittelmeer verborgen liegen. Eine neue Studie bestätigt nicht nur eine der erstaunlichsten Theorien über seine Geschichte, sondern liefert auch neue Details darüber, wie ein gewaltiger Wassereinbruch seine Geografie für immer veränderte. Durch die Analyse geologischer Formationen und seismischer Untersuchungen rekonstruieren Forschende eines der dramatischsten Kapitel unseres Planeten.
Beweise für eine beispiellose Katastrophe
Ein internationales Team von Wissenschaftler:innen fand deutliche Hinweise darauf, dass vor über 5 Millionen Jahren der Atlantik gewaltsam durch die heutige Straße von Gibraltar strömte und das trockene Mittelmeerbecken überflutete. Laut den gewonnenen Daten bewegte sich das Wasser mit einer atemberaubenden Geschwindigkeit von 115 Kilometern pro Stunde – mit einem Volumen, das 1.000 Mal größer war als das des heutigen Amazonas.

Dieses Ereignis veränderte nicht nur die Landschaft drastisch, sondern hinterließ auch tiefe Spuren: ein gewaltiger unterseeischer Canyon, der durch die Kraft der Strömung in den Meeresboden gegraben wurde. Die in Sizilien analysierten Gesteinsformationen liefern neue Beweise, die diese erstmals 2009 formulierte Theorie untermauern und die wissenschaftliche Debatte über die radikalen Veränderungen in dieser Region neu entfachen.
Eine Salzkrise veränderte das marine Leben
Seit dem späten 19. Jahrhundert vermuteten Forschende, dass das Mittelmeer einen außergewöhnlichen Wandel durchlaufen hatte. Dieses Ereignis wurde als „Salzkrise des Messinischen“ bekannt und war geprägt von der Bildung gigantischer Salzschichten auf dem Meeresboden – verursacht durch die fast vollständige Isolation des Meeres vom Atlantik infolge tektonischer Plattenverschiebungen.
Über Jahrzehnte hinweg legten Bohrungen unter dem Meeresboden mehrere Kilometer dicke Salzablagerungen frei und bestätigten, dass das Becken nahezu ausgetrocknet und mit Mineralien bedeckt war. Spätere seismische Studien entdeckten alte Flussläufe, die diese ausgedehnte, trockene Ebene durchquerten. Die Krise war so verheerend, dass nur etwa 11 % der Meeresarten das extreme Ökosystem überlebten.
Die große Flut formte das heutige Mittelmeer
Die entscheidende Wendung in dieser Geschichte erfolgte 2009, als Untersuchungen im Zuge eines geplanten Tunnels zwischen Afrika und Europa einen riesigen unterseeischen Graben entdeckten. Die Merkmale dieser Formation deuteten darauf hin, dass sie durch ein plötzliches, katastrophales Flutereignis entstanden war.
Die aktuelle Studie unter der Leitung von Aaron Micallef liefert nun noch mehr Belege. Gemeinsam mit seinem Team untersuchte er die Region, in der das Wasser die sogenannte Sizilianische Schwelle – eine natürliche Barriere auf dem Weg des Ozeans – überwunden haben soll. Die Hügel in dieser Gegend, beobachtet vom Geologen Giovanni Barreca, zeigen Erosionsmuster, die jenen ähneln, die durch eine andere Megaflut im US-Bundesstaat Washington am Ende der letzten Eiszeit verursacht wurden.
Diese Entdeckungen stützen nicht nur die Hypothese der sogenannten Zanklischen Flut, sondern zeigen auch, dass die Natur in der Lage ist, Kontinente innerhalb weniger Tage neu zu gestalten – mit Spuren, die über Millionen von Jahren erhalten bleiben.