Grönlands Eisschild ist die zweitgrößte Eisdecke der Erde und schmilzt durch die steigenden Temperaturen unseres Planeten. Der menschlich verursachte Klimawandel verstärkt atmosphärische Flüsse – riesige Luftströme, die Feuchtigkeit und Wärme von warmen Ozeanen in kältere Regionen transportieren. Doch neue Forschungsergebnisse zeigen, dass ihr Einfluss auf Grönlands Eisdecke komplexer ist als bisher angenommen.
Ein Forscherduo hat die Auswirkungen eines extrem starken atmosphärischen Flusses auf das größte Eisschild der nördlichen Hemisphäre untersucht. Die unerwartete Entdeckung: Dieser Sturm deponierte 16 Milliarden Tonnen Schnee über Grönland und verzögerte damit kurzfristig das Schmelzen des Eises. Die in der Fachzeitschrift Geophysical Research Letters veröffentlichte Studie deutet darauf hin, dass atmosphärische Flüsse nicht nur eine Bedrohung, sondern unter bestimmten Bedingungen auch ein temporärer Schutz für das Eisschild sein könnten.
„Ich war überrascht, wie viel Schnee in so kurzer Zeit gefallen ist“, sagte Alun Hubbard, Glaziologe an der Arctic University of Tromsø und Mitautor der Studie, in einer Mitteilung der American Geophysical Union (AGU). „Ich dachte, es wäre nur eine kleine Menge, aber tatsächlich ist es ein gewaltiger Beitrag zur jährlichen Masse des Grönland-Eisschilds.“
Klimawandel und Grönlands schwindendes Eis
Die globale Erwärmung lässt Grönlands Eisschilde in alarmierendem Tempo schmelzen. 2023 verlor das Eisschild rund 80 Gigatonnen Wasser – das entspricht etwa 2,5 Millionen Litern pro Sekunde. Im Jahr 2024 schrumpfte es bereits das 28. Jahr in Folge. Würde das gesamte Eis schmelzen, würde der weltweite Meeresspiegel um mehr als sieben Meter steigen. Experten gehen davon aus, dass der Klimawandel atmosphärische Flüsse weiter verstärken und häufiger auftreten lassen wird – was den Eisverlust in Grönland beschleunigen könnte.
Doch ein besonders starker atmosphärischer Fluss im März 2022 stellt diese Annahme infrage. Während sich Hauptautorin Hannah Bailey, Geochemikerin an der Universität Oulu, zu der Zeit auf Spitzbergen aufhielt, beobachtete sie, wie der Sturm sintflutartige Regenfälle über die norwegische Inselgruppe brachte. Sie fragte sich, was wohl 2.000 Kilometer entfernt in Grönland geschah. Ein Jahr später reiste sie gemeinsam mit Hubbard in den Südosten Grönlands, um dieser Frage nachzugehen.
Ein 15 Meter langer Eiskern liefert Antworten
Dort entnahmen die beiden Wissenschaftler einen 15 Meter langen Firnkern – verdichteten Schnee, der sich allmählich in Gletschereis verwandelt. Solche Eiskerne sind wie ein Archiv der Klimageschichte. Die Analyse zeigte fast zehn Jahre Schneeablagerungen und ermöglichte es den Forschern, die Auswirkungen des Sturms von 2022 zu identifizieren.
„Durch die Kombination aus hoch gelegener Firnkern-Probenahme und Isotopenanalyse konnten wir die außergewöhnliche Schneemenge dieses atmosphärischen Flusses genau bestimmen“, erklärte Bailey. „Es ist eine seltene Gelegenheit, ein solches Ereignis direkt mit dem Massehaushalt des Grönland-Eisschilds zu verknüpfen.“
Die Daten zeigten, dass der atmosphärische Fluss am 14. März 11,6 Milliarden Tonnen Schnee über das Eisschild brachte, gefolgt von weiteren 4,5 Milliarden Tonnen in den darauffolgenden Tagen. Ein Gigatonne Schnee entspricht in etwa einem Kubikkilometer Frischwasser – genug, um das Kapitol in Washington mehr als 2.200 Mal zu füllen.
Darüber hinaus bedeckte die frische Schneeschicht das Eisschild mit einer reflektierenden Oberfläche, die das Sonnenlicht zurückwarf und den Beginn der saisonalen Schmelze um fast zwei Wochen hinauszögerte – trotz der ungewöhnlich hohen Frühlingstemperaturen im Jahr 2022.
Ein zweischneidiges Schwert
„Leider werden atmosphärische Flüsse das Grönland-Eisschild nicht retten“, sagte Hubbard. „Aber was wir in dieser neuen Studie sehen, ist, dass sie unter den richtigen Bedingungen nicht nur negative Auswirkungen haben.“
Sollten die globalen Temperaturen jedoch weiter steigen, könnten diese Wetterphänomene in Zukunft eher Regen als Schnee nach Grönland bringen – was das Schmelzen des Eisschilds noch weiter beschleunigen würde. Deshalb betonen Bailey und Hubbard, dass noch viel Forschung nötig ist, um die langfristigen Auswirkungen atmosphärischer Flüsse auf das größte Eismassiv der Nordhalbkugel zu verstehen.
„Atmosphärische Flüsse haben eine doppelte Wirkung auf die Zukunft Grönlands und der gesamten Arktis“, fasst Bailey zusammen.