Eine weit verbreitete Klasse von Antidepressiva könnte nützlicher sein, als bislang angenommen. Eine heute veröffentlichte Studie legt nahe, dass selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer – kurz SSRIs – möglicherweise vor Krebs schützen und die körpereigenen Abwehrkräfte gegen Tumore stärken können.
Neue Hinweise aus der Forschung
Die Studie wurde von Wissenschaftler:innen der University of California, Los Angeles (UCLA) geleitet und erschien in der Fachzeitschrift Cell. In Mausmodellen und weiteren Laborexperimenten zeigten SSRIs eine schrumpfende Wirkung auf verschiedene Krebsarten. Gleichzeitig verbesserten sie die Fähigkeit des Immunsystems, Krebszellen zu zerstören, und steigerten die Wirksamkeit der Immuntherapie. Nun wollen die Forscher klinische Studien mit SSRIs zur Krebstherapie am Menschen durchführen.
Serotonin, ein Hormon mit vielen wichtigen Funktionen, steht in einer komplexen Beziehung zum Krebs. Einerseits scheint es das Tumorwachstum zu fördern, andererseits unterstützt es aber auch die Immunabwehr gegen Krebs. Die Wissenschaft hofft daher, dass bereits zugelassene Medikamente, die auf Serotonin wirken – wie viele Antidepressiva – zur Bekämpfung von Krebs eingesetzt werden können.
Die Rolle von Serotonin und SSRIs
Vor einigen Jahren veröffentlichte das UCLA-Team eine Studie, in der sie zeigten, dass sogenannte MAO-Hemmer – Antidepressiva der ersten Generation – in Mäusen eine krebshemmende Wirkung hatten. Diese älteren Medikamente sind jedoch oft mit Nebenwirkungen verbunden und interagieren schlecht mit anderen Arzneien oder bestimmten Lebensmitteln. Die Forscher konzentrierten sich daher auf ein anderes Zielprotein: SERT, das ebenfalls mit Serotonin interagiert. Glücklicherweise gibt es bereits sichere Medikamente, die SERT hemmen – eben die SSRIs.
Erfolgreiche Tests an Mäusen und menschlichen Zellen
Die Forscher testeten SSRIs an Maus- und menschlichen Modellen mit verschiedenen Krebsarten (darunter auch Mäuse mit menschlichen Krebszellen): Melanom, Brust-, Prostata-, Darm- und Blasenkrebs. Im Schnitt reduzierte die Behandlung die Tumorgröße um mehr als 50 %. Zudem stellten sie fest, dass SSRIs den T-Zellen des Immunsystems halfen, Krebszellen besser zu erkennen und zu zerstören.
„SSRIs machen nicht nur unser Gehirn glücklicher, sondern offenbar auch unsere Zellen – sogar im Kampf gegen Tumore“, sagte die Studienleiterin Lili Yang, Professorin für Mikrobiologie, Immunologie und molekulare Genetik an der UCLA, in einer Mitteilung der Universität.
„SSRIs steigerten das Wohlbefinden der T-Zellen in der unterdrückenden Umgebung des Tumors, indem sie ihren Zugang zu Serotoninsignalen verbesserten und ihnen mehr Kraft gaben, Krebszellen zu bekämpfen.“
Kombinierter Einsatz mit Immuntherapie
Yang und ihr Team kombinierten die SSRIs anschließend mit einer Immuntherapie – sogenannten Checkpoint-Inhibitoren (ICB), die verhindern, dass Tumore das Immunsystem blockieren. In den Tests an Mäusen verstärkte die Kombination die Wirkung gegen Melanome und Darmkrebs deutlich – in manchen Fällen schien der Krebs sogar vollständig zu verschwinden.
Potenzial und nächste Schritte
Bisher stammen alle Ergebnisse aus Labor- und Tierversuchen. Es ist also noch ein weiter Weg, bis SSRIs als Krebstherapie beim Menschen eingesetzt werden könnten. Dennoch ist es vielversprechend, dass bereits zugelassene Medikamente gegen Depressionen in diese Richtung wirken. Im Vergleich zu neu entwickelten Behandlungen wären sie kostengünstiger und schneller einsetzbar.
Die UCLA hat im Namen der Forscher:innen ein Patent für die Kombination eingereicht. Ziel ist es nun, die Hypothese in klinischen Studien zu testen.
„Unser Ziel ist es, eine klinische Studie zu entwerfen, um die Behandlungsergebnisse zwischen Krebspatient:innen mit und ohne diese Medikation zu vergleichen“, erklärte Yang, die zudem am Goodman-Luskin Microbiome Center der UCLA und dem Parker Institute for Cancer Immunotherapy forscht.
Vielleicht gehören Antidepressiva, die uns seelisch stabilisieren, in Zukunft auch zu unserem Arsenal im Kampf gegen Krebs. Ein Hoffnungsschimmer in zweierlei Hinsicht.